Griechenland: Rettungsengel und Volksdämon

Griechenland
Rettungsengel und Volksdämon

Hauptpeiniger im Schuldendrama: Athen stigmatisiert Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble als Inkarnation des Bösen. Die Suche nach den echten Krisenverursachern wird durch solche Ressentiments blockiert.
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Wolfgang Schäuble, jetzt Buhmann ersten Ranges in Athen, ist ein stilvoller Mensch. Die gegenseitigen Beschimpfungen, denen sich Griechen und Deutsche bei den Verschuldungsturbulenzen aussetzen, sind Zeichen einer mentalen Störung in Europa, die nicht so bald abebben wird. Eine Anekdote aus dem bewegten Zeitalter nach der deutschen Wiedervereinigung hilft uns, die Verhaltensweise des jetzigen Bundesfinanzministers zu relativieren.

Als Schäuble Anfang der 90er-Jahre als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion - und hinter Helmut Kohl damit zweitwichtigster deutscher Christdemokrat - nach London reiste, um sich unter anderen mit dem damaligen Premierminister John Major zu treffen, führte ich als „Financial Times“-Journalist am Vortag mit ihm ein Interview. Wobei Schäuble bekundete, er würde Major wegen seiner sturen Haltung bei der europäischen Integration die Leviten lesen.

Das Gespräch mit Major fand statt, verlief äußerst friedlich, ohne sonderliche Vorwürfe an Major. Am nächsten Tag fragte ich Schäuble, weshalb die kritischen Punkte ausgeblieben sind. „Ach ja,“ erwiderte er, „selbstverständlich habe ich Major all das nicht gesagt. Wie hätte ich Ihrem Premierminister gegenüber so unhöflich sein können?“

Aber jetzt ist Schäuble in Hellas als Inkarnation des Bösen stigmatisiert, Anstifter eines heiligen Finanzkrieges, Hauptpeiniger in der modernen europäischen Folterkammer. Dass Schäuble die (weiter gehenden) Finanzhilfen an Griechenland als „Fass ohne Boden“ beschrieb, ist ebenso begründbar wie die griechische Reaktion, der Bundesfinanzminister habe ein bereits erniedrigtes Volk weiter in den Schlamm gezogen. Die gegenseitigen Ressentiments vertiefen sich dadurch, dass sich Gläubiger wie Schuldner aus diametral entgegengesetzten Gründen missverstanden, missbraucht sowie erpresst fühlen.

Die Frage ist berechtigt: Wer sollte am vehementesten der Verantwortungs-, Ahnungs- oder Rücksichtslosigkeit bezichtigt werden: Kreditgeber oder Kreditnehmer? Die Grenzlinien zwischen Ursache und Auswirkung, zwischen Ausbeutern wie Ausgebeuteten, zwischen Schuld und Unschuld werden hoffnungslos verwischt. Blockiert dadurch werden sowohl die Spurensuche nach den echten Krisenverursachern als auch die Aufstellung eines Fahrplans für den Ausweg.

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  • Sachlich ? Schäuble veranstaltet Hetzjagden auf deutsche Steuerzahler ( Mittelstand !) und in gleicher Art gegen Griechenland. Nichts weiter. Der Mann ist peinlich gefährlich.

  • Tja. Verzeihen Sie den Anglizismus, aber wie ich das sehe:
    The road to Eurohell is paved with Herr Schäuble's good intentions.

  • Es wäre für Griechenland nicht nur aus Gründen "der nationalen Ehre" sondern auch aus rein sachlich-ökonomischen Tatsachen angebracht die Eurozone zumindest zeitweilig zu verlassen und sich in die Reihe der Staaten einzugliedern wie Bulgarien, Rumänien ,Ungarn als Balkanländer und Polen, Tschechein und andere als ost- und mitteleuropäische Länder, die zwar Mitglieder der EU sind aber in der Warteschleife stehen. Zu dieser Ländergruppe gehört auch Griechenland.

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