Griechenland und Alexis Tsipras Sieg: Die Wut-Wahl

Griechenland und Alexis Tsipras Sieg
Die Wut-Wahl

Der Frust der Griechen war größer als die Angst vor den ungewissen Folgen eines Machtwechsels. Doch Wahlsieger Alexis Tsipras ist nicht zu beneiden. Denn seine Sozialprogramme sind nicht finanzierbar. Ein Kommentar.
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AthenNoch nie seit der Rückkehr zur Demokratie 1974 waren bei einer Wahl in Griechenland so viele Emotionen im Spiel wie jetzt. Fünf Jahre Sparkurs haben Hellas in die tiefste und längste Rezession der Nachkriegsgeschichte geführt – ein Tal der Tränen, vergleichbar nur mit der Großen Depression in den USA in den 1930er Jahren. Am Sonntag haben viele Griechen an der Wahlurne ihrer Wut und Verzweiflung freien Lauf gelassen.

Sie stimmten für das radikale Linksbündnis Syriza – und gegen eine Politik, die eine Million Jobs vernichtete, Hunderttausende Familien in die Armut stürzte, zahllose Lebensentwürfe zerstörte und über 200.000 junge Griechinnen und Griechen in die Emigration trieb – ein beispielloser Brain Drain, unter dem das Land noch auf Jahrzehnte leiden wird. Griechenland hat ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren, die Menschen haben im Schnitt ein Drittel ihrer Kaufkraft eingebüßt. Das Land hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf Geheiß der Troika nicht gesund sondern totgespart.

Der abgewählte konservative Premierminister Antonis Samaras hat nichts unversucht gelassen, vor den Konsequenzen eines Wahlsiegs der radikalen Linken zu warnen. Er hat Oppositionsführer Alexis Tsipras und sein Linksbündnis Syriza geradezu dämonisiert. Tsipras sei „ein Unfall, der Griechenland nicht passieren darf“. Syriza diene der „Drachmen-Lobby“, warnte Samaras. Mitunter schoss der Premier weit über das Ziel hinaus. So suggerierte ein Wahlspot seiner „Nea Dimokratia“, unter einer Syriza-Regierung werde es zu Engpässen bei der Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten kommen. Dabei hat schon jetzt jeder dritte Grieche wegen der Krise seine Krankenversicherung verloren, viele können sich keine Arzneien mehr leisten.

Auch aus dem Ausland, vor allem aus Berlin, bekamen die Griechen mehr oder weniger diskrete Mahnungen, Syriza nicht ihre Stimme zu geben. Aber diese Angstkampagne ist nicht aufgegangen. Sie war kontraproduktiv: Jetzt erst recht, haben sich viele Wähler gesagt. Die Wut der Menschen war größer als ihre Angst vor den ungewissen Folgen eines Machtwechsels. 37 Prozent der Griechen leben an der Armutsgrenze. Viele von ihnen dürfte nicht einmal die Aussicht schrecken, dass sie den Euro hergeben und wieder mit Drachmen bezahlen müssen. Wer nichts mehr hat, der hat auch nichts mehr zu verlieren.

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Wahl der Widersprüche

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  • "Bröckchen Verbesserungen" wie zum Beispiel die Maut?

  • Genau so bescheuert und unwissend und wunschdenkend, wie die Griechen gewählt haben, wird in der BRD seit langem gewählt. Die Politschranzen brauchen nur ein paar Bröckchen Verbesserungen ankündigen und das gemeine Volk giert danach prompt. Leider ist es auch schwer, bei den Politikern die Spreu vom Weizen zu trennen. Die seit langem regierenden Parteien sind auf jeden Fall die Spreu. In Griechenland ist auf jeden Fall Hopfen und Malz verloren. In der BRD könnte der Weizen weiter Fuß fassen.

  • Wie gehabt wird der "normale" Grieche eher weniger Schuld an der ganzen Misere haben, die schon vor vielen vielen Monden begonnen hat.

    Hier kann man eher in den Amtsstuben und darüber nach den Schuldigen suchen. Aber wie immer löffelt der kleine Mann die versalzene Suppe aus.

    340 Milliarden? Ja wo ist denn das Geld geblieben und wofür konkret wurde es ausgegeben / investiert?

    Es wird sich in der EU gewundert warum die Wahl so ausgefallen ist? Was hätten Sie hier denn gewählt wenn nach 5 Jahren immer noch keine sichtbare Verbesserung zu sehen ist?

    Hier in D wird der Schlächter, Betrüger und Vorteilsnehmer auch nach 8 Jahren immer noch gewählt.

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