Großbritannien
Analyse: Kalte Dusche

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Notenbankchef Mervyn King und Schatzkanzler Alistair Darling sehen sich trotz ihrer Rettungsaktion für den Immobilienfinanzierer Northern Rock einem ausgewachsenen „bank run“ gegenüber. Alle Beschwichtigungsversuche sind vergebens: Über Nacht haben die Kunden das Vertrauen verloren. Die Fernsehbilder von den Schlange stehenden Northern-Rock-Kunden können gravierende Folgen haben in einem Land, dessen Wirtschaft zu einem guten Teil vom Immobilienmarkt und vom Konsum getragen wird. Seit mehr als einem Jahrzehnt treibt der Erstere den Letzteren an. Die Hauspreise steigen, die Briten nehmen höhere Kredite auf, sie kaufen mehr. Vieles spricht dafür, dass dieser Mechanismus bald zum Stillstand kommt. Doch wie schlimm wird der Einbruch? Erleben wir bald die britische Subprime-Krise?

Nein. Zwar ist der britische Häusermarkt ebenso überhitzt, wie es der US-amerikanische war, aber die Marktbedingungen sind nicht vergleichbar. In den USA haben Subprime-Kredite, also Hypotheken an weniger solvente Haushalte, einen Anteil von mehr als 15 Prozent am Markt, und mehr als fünf Prozent aller Schuldner sind in Zahlungsverzug. In Großbritannien hingegen beträgt der Subprime-Anteil sieben Prozent und der der säumigen Zahler nicht einmal ein Prozent.

Während in den USA ein deutlicher Angebotsüberhang an Häusern besteht, ist in Großbritannien wegen des knappen Baulandes und der unerwartet starken Immigration von Arbeitskräften die Nachfrage seit Jahren höher als das Angebot. Das wird die Hauspreise auch in den kommenden Jahren stützen und einen Preisverfall wie in den USA, der weitere Schuldner in die Zahlungsunfähigkeit treibt, verhindern.

Analysten rechnen damit, dass die Preissteigerungsrate für Wohneigentum von über zehn Prozent auf vielleicht drei Prozent sinkt. Auch wenn die psychologischen Folgen der Northern-Rock-Krise bewirken, dass die Häuserpreise leicht sinken – eine Krise sieht anders aus. Wir sprechen hier von einer Abkühlung des Immobilienmarktes, nicht von einem Absturz. Gleichzeitig werden Hypothekenkredite teurer. Dafür hat bereits die Serie von Zinserhöhungen der Bank von England gesorgt. Da in Großbritannien flexible Hypothekenverträge üblich sind, bei denen meist jährlich der Zins angepasst wird, schlagen Leitzinsveränderungen hier rasch auf die Hypothekenzinsen durch.

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