Großbritannien
Browns Tragik

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik:Zehn Jahre lang hat Schatzkanzler Gordon Brown die britische Wirtschaft durch eine stabile Wachstumsphase geführt und nun, wo er endlich vor dem ersehnten Sprung ins Amt des Premierministers steht, mehren sich die Risiken für den Boom.
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Die Bank of England musste am Donnerstag ein weiteres Mal die Zinsen erhöhen, um die über drei Prozent gekletterte Inflationsrate unter Kontrolle zu bringen. Und viele Ökonomen glauben, dass weitere Zinsschritte folgen werden, womöglich sogar bis auf ein Leitzinsniveau von sechs Prozent.Das dürfte den überhitzten Immobilienmarkt abkühlen, und das wiederum wird auf die Konsumfreude schlagen. Das britische Wirtschaftswachstum könnte deshalb bald unter das Niveau der Euro-Zone abrutschen – ausgerechnet, bevor sich Brown in der nächsten Wahl gegen den jungen konservativen Herausforderer David Cameron behaupten muss. Wie gefährlich die Immobilienblase ist, darüber streiten die Experten. Darüber, dass es eine gibt, nicht mehr. Am augenfälligsten ist die Entwicklung in London, wo in den beliebteren Stadtvierteln der Durchschnittspreis für Wohnhäuser über einer Million Euro liegt. Doch die stärksten Preissteigerungen gibt es derzeit in der nordirischen Provinz.

Ein Platzen der Blase wird nicht die Bonus-Millionäre und Luxus-Immigranten treffen, die sich beim Kauf von Stadtvillen in Chelsea überbieten. Sie droht aber Tausende hoch verschuldeter Amateur-Immobilienspekulanten in die Pleite zu treiben, denen viele Banken immer leichtfertiger Millionenkredite aushändigen.Die steigenden Zinsen haben schon jetzt bewirkt, dass die Briten einen so hohen Anteil an ihren Einkommen für Hypotheken ausgeben wie schon seit 1991 nicht mehr – vor der letzten schmerzlichen Preiskorrektur. Das schwächt den Wohlfühlfaktor, denn die munter steigenden Konsumausgaben der vergangenen Jahre waren von dem Effekt getragen, dass Hausbesitzer von Jahr zu Jahr automatisch reicher wurden.

Neben dem privaten Konsum hat seit dem Amtsantritt Blairs und Browns 1997 auch der Staatskonsum einen großen Beitrag zum Wirtschaftswachstum geleistet. New Labour ist mit dem Ziel angetreten, die öffentlichen Dienstleistungen wie Schulen und Gesundheitswesen spürbar zu verbessern. Das ist teilweise gelungen. Aber die Erfolge stehen in einem ungünstigen Verhältnis zum finanziellen Aufwand. Die Zahl der Staatsbediensteten stieg von Anfang 1999 bis Mitte 2005 um 663000 – das entsprach 40 Prozent der in dieser Zeit geschaffenen Stellen.Seither schrumpft der Staat wieder langsam, und der Schatzkanzler hat weitere Einsparungen angekündigt. Ökonomen bezweifeln jedoch, dass Brown die angekündigten Kürzungen durchsetzen kann und will. Fiskalisch ist der Druck jedenfalls nicht besonders groß: Die Staatsverschuldung liegt derzeit bei 37 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nachdem Brown sie in seinen ersten vier Amtsjahren von 44 auf 30 Prozent gesenkt hatte.

Der wichtigste Wachstumssektor vor dem öffentlichen Dienst war in den vergangenen zehn Jahren die Finanz- und Dienstleistungsbranche. London hat sich zur internationalen Finanzmetropole Nummer eins entwickelt. Die Hauptstadt und ihr wohlhabendes Umland sind die Lokomotiven, die die britische Wirtschaft ziehen. Ihre Steuerzahlungen finanzieren die wachstumsschwachen Regionen, denn die Unterschiede im Vereinigten Königreich sind groß. London bringt nach Zahlen der EU fast die vierfache Wirtschaftsleistung des Schlusslichts Cornwall, während Hamburg das Zweieinhalbfache der Region Dessau erreicht. Die Abhängigkeit von London und von der Finanzbranche ist ein Risikofaktor der britischen Wirtschaft, doch Ökonomen plädieren dafür, lieber die City mehr zu unterstützen als noch mehr Geld in schwächere Regionen und womöglich in die Förderung anderer Branchen umzuverteilen. Schon jetzt bezeichnen internationale Investoren in Umfragen die rückständige Verkehrsinfrastruktur und die enormen Lebenshaltungskosten der Metropole als wichtige Minuspunkte. Brown hat signalisiert, dass er Milliarden für Projekte wie die neue Ost-West-Bahnverbindung Crossrail springen lassen wird. Das schränkt allerdings den finanziellen Spielraum weiter ein.

Bei allen Risiken ist nicht zu übersehen, dass Großbritannien nach wie vor eine ökonomische Erfolgsgeschichte ist. Seit 1993 ist die Wirtschaft nur einmal weniger als zwei Prozent gewachsen – 2005 waren es 1,9 Prozent. Auch 2007 bewegt sich das Wachstum wieder Richtung drei Prozent. Brown hat den Beweis erbracht, dass die Wirtschaft bei der Labour-Partei in guten Händen ist.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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