Großbritannien
Das Sorgenkind

Wie tief kann Gordon Brown noch sinken?“ fragen Großbritanniens Internet-Wetter, die Finger wie immer am Puls des Zeitgeschehens. Eine Flut verheerender Umfrageergebnisse zeigte am Osterwochenende, wie wenig sich die Briten für Tony Blairs angeblichen Kronprinzen erwärmen.

57 Prozent der Briten halten Gordon Brown laut der neuesten Umfrage in der „Sunday Times“ für „nicht fit für das Regierungsamt“. „Was kommt als Nächstes?“ fragen nun die Wettbegeisterten. Wird Browns Schwäche den Herausforderer aus den Labourreihen auf den Plan bringen? Könnte Blair seinen versprochenen Abschied womöglich doch hinauszögern? Den politischen Klatschtanten zufolge wird tatsächlich schon wieder über den Zeitpunkt von Blairs Abdankung gestritten. Muss Labour bei der Regionalwahl in Schottland am 3. Mai wie erwartet seine erste große Niederlage seit 50 Jahren einstecken – das wäre so, als würde die CSU in Bayern verlieren –, fordern die „Brownites“ den sofortigen Rücktritt Blairs. Nur so könnte der Premier die volle Schuld an der Blamage auf dem Territorium des Schotten Brown auf sich nehmen.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Blair seine Rücktrittserklärung noch ein bisschen verschiebt. Nichts soll die Wiedereinsetzung der neuen Regierung in Nordirland am 8. Mai überschatten. Warum nicht den Wahlanalysten ein paar Tage mehr Zeit geben, um die Niederlage Labours durchzukauen? Auch in englischen Kommunen wird gewählt. Potenzielle Herausforderer Browns hätten dann auch mehr Zeit, ihre nächsten Schritte zu planen. Blairs Hoffnung, statt Brown doch noch einen waschechten „Blairite“ als Nachfolger zu bekommen, steigen wieder. Abgesehen vom alten Misstrauen der Briten gegenüber der manchmal skurrilen Persönlichkeit des Schatzkanzlers und der Unklarheit seines politischen Credos, schwächen Brown vor allem drei Punkte: Erstens war sein letzter Haushalt eine Fehlkalkulation. Schnell erkannten die Briten, dass die versprochene Steuersenkung durch Aufhebung des niedrigsten Steuersatzes neutralisiert wird und Browns große Ankündigung ein Etikettenschwindel war. Das festigte seinen Ruf als Taktierer, der das eine sagt und das andere tut. Schlimmer war, dass Brown die politische Argumentation der Opposition stützte, die ein Abbremsen der Ausgaben und ein Ende des Drehens an der Steuerschraube fordert. Die Tories frohlockten. Nie mehr kann Brown ihnen vorwerfen, sie wollten zu Lasten öffentlicher Dienstleistungen die Steuern senken. Zweitens wird Brown von einer seiner umstrittensten Entscheidungen eingeholt. 1997 hob er die Steuerfreiheit für die Zinsgewinne privater und betrieblicher Rentenkassen auf, was deren Kapitalakkumulation bis heute um mindestens 100 Milliarden Pfund reduzierte. Nun musste Brown Expertisen und Gutachten veröffentlichen, die damals vor dem Schritt warnten. Der „Independent“ rechnete vor, dass jeder Brite deshalb 13 Prozent weniger Rente erhält.

Natürlich wird das Thema im schottischen Wahlkampf hochgespielt: „Brown müsse sich für die Zerstörung der Renten entschuldigen“, forderte gestern die Zeitung „Scotsman“. Diese Wahl ist Browns drittes Problem: Eine von Nationalisten gesteuerte Regierung in Edinburgh, die den Zusammenhang des Vereinigten Königreichs hinterfragt, wird automatisch auch das Regierungsmandat des Schotten Brown bei den Engländern untergraben. Brown wäre ein Premier, der weder in Schottland noch in England ein Mandat hätte. Deshalb half Brown gestern wieder im schottischen Wahlkampf mit: tollkühn für einen Mann, der eigentlich am liebsten verschwindet, wenn es kritisch wird. Aber bei dieser Wahl geht es um Browns Überleben. Seine Schwäche fordert nun Gegner in der eigenen Labour-Partei heraus. Gewerkschaftschef Tony Woodley verlangte von Brown gestern unmissverständlich den arbeitspolitischen Schwenk nach links. Auf der anderen Seite rüsten sich die waschechten „Blairites“ zur Gegenkandidatur. Wenn sich Umweltminister David Miliband, der Favorit der Erneuerungsfraktion, nicht bereit erklärt, wollen Innenminister John Reid oder gar sein Vorgänger Charles Clarke selbst in die Bresche springen.

Labour steht vor schweren Zerreißproben. Andererseits bläht der politische Wind die Segel der Konservativen wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Frage ist: Schafft Brown den Sprung auf den Sessel des Premiers noch? Kann er dann als dominierende Gestalt Großbritanniens Politik für zwei Dekaden prägen? Oder wird er bestenfalls der Konkursverwalter eines glorreichen, aber nun gescheiterten Regimes, so wie der viel verspottete John Major als Nachfolger der großen Margaret Thatcher?

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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