Großbritannien
Der Moralisierer

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Mag der Terror Gordon Browns Pläne für die ersten Amtstage durchkreuzt haben, die Krise hilft dem neuen britischen Premierminister auch, die Erinnerungen an seinen Vorgänger Tony Blair zu vertreiben. Dass er ein zurückhaltender Krisenmanager ohne Schauspielertalent ist, stärkt das Vertrauen. In Umfragen liegt Brown in der Kompetenzfrage schon um 20 Prozentpunkte vor Oppositionschef David Cameron.

Nun zückte der Premier, ganz im Schatten der Krise, seine Wunderwaffe: eine Verfassungsreform, die das Vertrauen der Briten in ihr politisches System wiederherstellen – und Browns Platz in den Geschichtsbüchern garantieren soll. Es geht, wohlgemerkt, nicht um den europäischen Vertrag, der ihm noch genug Verdruss bereiten wird. Brown will, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sein ganz eigenes britisches Verfassungsprojekt. Er will die präsidiale Macht eindämmen, die sich über Jahre im Amt eines britischen Premiers akkumuliert hat. Er will das Parlament stärken, etwa bei der Entscheidung über Krieg und Frieden. Aber er will auch, zum ersten Mal seit der „Bill of Rights“ von 1689, die Grundrechte und -pflichten der Briten beschreiben und die „gemeinsamen Werte“ der „Britishness“ formulieren.

Auf Blair, den Modernisierer, folgt Brown, der Moralisierer. Es ist eine schöne, aber auch heikle Aufgabe. Denn der Briten-Staat hat keine wirkliche ethnische, religiöse oder moralphilosophische Gründungsidee. Vieles funktioniert, weil es nicht fixiert ist, sondern pragmatisch von Fall zu Fall gelöst und durch Symbole und Tradition geregelt wird. Wehe, wenn Browns Projekt so endet wie sein bürokratisches Regelwerk über Steuerkredite. Die Briten würden ihm das nie verzeihen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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