Großbritannien
Der Rätselhafte

Gordon Brown tut, was er kann, damit die Briten Tony Blair so schnell wie möglich vergessen.
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Seit seiner Amtsübernahme suggeriert er unentwegt Neubeginn und Wandel, dabei hat Blair ihm bei den beiden überragenden außenpolitischen Themen, Irak und Europa, das Drehbuch geschrieben. Brown hält sich bislang sklavisch an das Skript.

Der Rückzug der Briten aus Basra in eine „Overwatch“-Position beim Flughafen stand seit Monaten auf dem Programm. Blair hatte die Strategie im Februar bekanntgegeben und konnte damals schon nicht mehr verbergen, dass die heroischen Tage der britisch-amerikanischen Waffenbrüderschaft vorbei waren. Es blieb die Aufgabe, Chaos und Blutvergießen zu verhindern. Aber auch innenpolitisches Kalkül bestimmte nun die Richtung. Die britische Militärführung sah den Einsatz als Teil des Problems, nicht seiner Lösung und drängte auf Abzug. In London machte sich die Einsicht breit, dass die Koalition das Irakproblem nicht ohne mehr internationalen politischen Beistand lösen wird.

Blair präsentierte diesen Rückzug aber so, dass niemand Zweifel am Fortbestand der „special relationship“ mit den USA haben sollte und konnte. Brown dagegen hüllt sich in Schweigen und lässt Zweifel und Ambiguität aufkommen, wo Blair die Prinzipien seiner Politik bis zuletzt klar formulierte. Einen Zeitplan für den Abzug gebe es nicht, sagt Brown. Aber die Spekulation über einen Totalabzug noch vor Weihnachten ist ihm recht. Kernig betont er an der Seite des amerikanischen Präsidenten, Großbritannien werde seine Verpflichtungen erfüllen. Wie er die interpretiert und was die Konsequenzen sind, erfahren wir nicht. So schafft Brown Distanz zu dem amerikanischen Präsidenten und dem Irakproblem und überlässt es den Kommentatoren, sich einen Reim darauf zu machen. Statt einer neuen Irak- oder Transatlantik-Politik wird die alte nur nebulöser.

Ähnlich tappt man im Dunkeln, was Browns Verhältnis zur EU angeht. Die quälende Frage, wie er ein Referendum über den Reformvertrag vermeiden könnte, ohne die ohnehin angeschlagene Legitimität des EU-Projekts bei den Briten vollends zu verspielen, ist für die Briten und ganz Europa von größerer Bedeutung als der Irakkomplex. Aber Brown hat noch nicht einmal einen Antrittsbesuch in Brüssel gemacht.

Blair lehnte ein EU-Referendum erst ab, dann versprach er es auf Druck der Bevölkerung und mit Blick auf die Parlamentswahl 2005, um das Versprechen schließlich in einer neuerlichen Kehrtwende wieder zu kassieren. Das war seine Verhandlungsvorleistung für Angela Merkels Versuch, den schon totgesagten Vertrag wieder zu beleben.

Die britischen Wähler mochten diesen Schlingerkurs nicht. Aber sie wussten wenigstens, dass Blair seine Sehnsucht nach einem Platz in Europa und das Misstrauen der Briten gegenüber der EU miteinander in Einklang bringen wollte. Brown hat nur Blairs Taktieren, nicht seine klaren Aussagen übernommen.

Er spricht von „roten Linien“ und droht mit schlimmen Konsequenzen, wenn jene im Vertrag nicht berücksichtigt werden. Die große Europarede von ihm gibt es nicht. Man munkelt, Brown wolle, nach bewährtem Rezept, einen Schaukampf mit Brüssel vom Zaun brechen, um die Euroskeptiker zu beschwichtigen.

Reichen wird das nicht. Die Stimmung in Großbritannien läuft auf eine epochale Entscheidung über das Verhältnis zur EU hinaus. Schwer zu sagen, was mehr Schaden anrichten wird, ein Referendum mit Ablehnung des Vertrags oder seine Verweigerung mit den destruktiven Folgen für das Verhältnis der Briten zur EU und zum ganzen politischen System. Aber jeder kann sehen, dass nun Führung gefordert ist.

Vielleicht sagt Mr. Brown einmal, wo er steht. Auf seiner Pressekonferenz am Dienstag bezeichnete Brown sich als „Überzeugungspolitiker wie Frau Thatcher“. Die Überzeugungen, die er dann nannte – Glaube an Disziplin und Arbeitsethik - fielen eher dürftig aus. Brown hat seine konservativen Gegner damit verblüfft, dass er entschlossen in die Mitte steuerte, wo er sich als Konsenspolitiker breitmachen will. Aber anders als Blair wirkt das nur wie eine opportune Strategie. Welche politischen Überzeugungen ihn dabei antreiben, bleibt bisher ein Rätsel.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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