Großbritannien
Flitterwochen

Ganze vier Stunden dauerte der Strandurlaub der Familie Brown. Dann reiste der Familienvater nach London, um den Landesvater zu geben. Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche im Süden Englands ist der dritte Auftritt für Krisenmanager Gordon Brown in den ersten sechs Wochen als Premierminister.
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In die erste Amtswoche platzten die misslungenen Bombenanschläge in London und Glasgow. Brown punktete mit einer energischen, aber besonnenen Reaktion ohne das Pathos, zu dem sich sein Vorgänger Tony Blair vielleicht hätte verleiten lassen. Bald darauf kamen die Fluten, die Zehntausende Engländer schwer trafen. Brown agierte als oberster Krisenmanager, während der jugendliche Oppositionschef David Cameron nach Afrika reiste. Die wenigen Tage dazwischen füllte Brown mit einer Fülle von Initiativen für den Herbst. Und nun die dritte Krise: Maul- und Klauenseuche. Hier hebt sich Brown mit raschem Handeln von jenem Debakel ab, das sich Blair bei der Epidemie im Jahr 2001 leistete.

Drei Krisen, die das Land aufregen, aber nicht wirklich erschüttern – eine bessere Vorlage, um sich als Mann der Tat zu präsentieren, kann sich kein Regierungschef wünschen. Fahrt beruhigt in die Sommerferien, Gordon wacht daheim. Die Briten danken es ihm: Die Labour Party hat in den Umfragen eine erstaunliche Wende geschafft. Erstmals seit April 2006 gibt ihr das renommierte Meinungsforschungsinstitut YouGov einen Vorsprung vor den Tories. Und mit neun Prozentpunkten ist er so groß wie seit kurz nach der letzten Wahl im Frühjahr 2005 nicht mehr. 36 Prozent erkämpfte Blair damals, heute steht Brown bei 41. Das ist der höchste Wert seit vier Jahren, kurz nach dem Sturz Saddam Husseins. Würde heute gewählt, könnte Labour den Vorsprung an Parlamentsmandaten verdoppeln.

Kein Wunder, dass nun Planspiele für eine frühere Wahl die Runde machen. Die Legislaturperiode dauert zwar noch bis Mitte 2010, aber der Premier kann jederzeit Neuwahlen ansetzen. Schon im Oktober könne es so weit sein, wird spekuliert. Von den Flitterwochen direkt in die Wahlkabine – eine verlockende Strategie. Der Nachteil ist aber: Labour hat Schulden, ist also kaum fähig, einen Wahlkampf zu führen. Brown müsste auf die Schnelle Spender für eine Blitzkampagne aktivieren. Die Labour-Strategen dürften darauf hoffen, die Konservativen mit einem raschen Urnengang auf dem falschen Fuß zu erwischen. Die Tories haben sich noch nicht vom Schreck erholt, wie schnell Camerons Lack abgebröckelt ist. Während Brown seine Flitterwochen mit den Briten genießt, wächst in Camerons Partei die Kritik an dessen Führung. Mehrere prominente Unterstützer der Partei haben sich öffentlich von ihm distanziert. Der Parteiflügel rebelliert immer lauter gegen seine Strategie, konservative Glaubenssätze über Bord zu werfen und entschlossen in die Mitte zu rücken. Dabei gibt es zu dieser Strategie keine Alternative, wenn die Tories die Städte gewinnen wollen. Zurzeit steuert Margaret Thatchers Partei auf die vierte Wahlniederlage in Folge zu.

Dabei gäbe es genug Themen, um Brown zu attackieren. Seine politischen Hauptziele sind im Grunde jene, mit denen Labour vor zehn Jahren angetreten ist. Warum sind sie dann noch nicht erreicht? Warum sind die Schulen und Krankenhäuser nicht besser, warum wurde in einem zehnjährigen Wirtschaftsboom nicht genug in Straßen, Schienen und bezahlbare Wohnungen investiert? Stattdessen stürzen sich die Konservativen auf ihr altes Lieblingsthema Europa und fordern eine Volksabstimmung über den im Juli beschlossenen EU-Vertrag. Brown ist längst weiter: Sein interessantester Schachzug ist die schrittweise Distanzierung von US-Präsident Bush. Er fordert die Freilassung von fünf Guantanamo-Häftlingen, die Aufenthaltsrecht in Großbritannien haben. Das weckt in den USA die Sorge, der Premier könnte die britischen Truppen noch in diesem Jahr aus dem Süden des Iraks abziehen. Womöglich wird Brown dies auch gegen den Willen des geschwächten Bush durchziehen, denn der innenpolitische Gewinn könnte kurzfristigen außenpolitischen Schaden kompensieren. Ein Rückzug aus dem Irak und dann eine schnelle Wahl - wer wollte Brown dann schlagen? Niemand sollte seinen Willen unterschätzen, sich ein eigenes Mandat zu verschaffen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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