Großbritannien
Gebremster Dialog

Für die Briten und die in ihrem Land lebenden Muslime haben schwere Zeiten begonnen. Nicht nur Rechtsradikale und populistische Boulevardzeitungen sprechen seit den Verhaftungen nach den vereitelten Anschlägen auf US-Passagierflugzeuge auf dem Londoner Flughafen Heathrow vom „Feind im Inneren“.

Der floskelhafte Automatismus, mit dem Politiker betonen, dass die überwältigende Mehrheit der britischen Muslime friedliebende Bürger seien, überzeugt die Bevölkerung immer weniger. Der Dialog, den die Regierung mit den Muslimen verzweifelt sucht, wird bereits verächtlich kommentiert.

Es ist verständlich, dass die Briten besorgt auf jene rund 1 500 britische Muslime blicken, die laut Polizei zu Selbstmordanschlägen gegen ihre Mitbürger bereit sein sollen. Sie wissen, dass diese potenziellen Terroristen nicht vom Himmel gefallen sind. Laut Umfragen hielten etwa 30 Prozent der 18- bis 30-jährigen Muslime den Anschlag auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005, der 52 Todesopfer forderte, für „gerechtfertigt“, 13 Prozent aller Muslime halten die Täter für „Märtyrer“.

Die zweite Generation der überwiegend pakistanischen Migranten ist durch einen tiefen Graben vom Rest der Gesellschaft getrennt. Da mögen Diskriminierung und soziale Benachteiligung eine Rolle spielen. Aber auch eine Tendenz zur Selbstisolation, wenn Muslime ihre patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen höher bewerten als die Integration.

Über Jahrzehnte hinweg galt Großbritannien als Vorbild für den Umgang mit Einwanderern: Schutz durch Minderheitenrechte, ein breites multiethnisches Medienspektrum, beispielhafte demokratische Repräsentanz der Minderheiten. Aber der britische Multikulturalismus hat auch Integrationsdruck von den Minderheiten genommen.

Nun setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Multikulturalismus selbst Ghettos schafft. Wenn die Regierung islamische Schulen fördert und Kinder dort durchschnittlich sechs Stunden pro Woche mit dem Studium des Korans verbringen, so ist dies vielleicht doch nicht das Gleiche wie die Förderung katholischer oder jüdischer Schulen.

Bei vielen jungen Briten haben sich die gestärkte muslimische Identität und der breite Dissens mit der Außenpolitik von Premier Tony Blair zu einer offen feindseligen Position verfestigt. Der in Pakistan aufgewachsene Bischof von Rochester, Michael Nazir-Ali, spricht von einer „Doppelpsychologie“ aus einem verinnerlichten Gefühl, immer Opfer zu sein, und dem Dominanzstreben des politisierten Islams. Den Westen sehen sie als Kampfplatz.

Wenn es um solche Fragen geht, sprechen zu viele Muslime mit gespaltener Zunge. Das zeigt ein offener Brief von Muslimorganisationen, in dem Blairs Politik im Irak und im Libanon als „Munition für Terroristen“ bezeichnet wird. Es wird eine scharfe Kursänderung gefordert, um das Land „sicherer“ zu machen.

Doch für die „Allianz der Mäßigung“, die Blair dem totalitären Islamismus gegenüberstellen will, findet er nicht einmal im eigenen Land überzeugende Partner. Der „Muslim Council of Britain“ (MCB), der im Dialog fast eine Monopolstellung einnimmt, ist aus den Protesten gegen Salman Rushdies „Satanische Verse“ hervorgegangen. Als Stimme der demokratischen Bürgergesellschaft, die Muslime in Großbritannien entwickeln müssen, hat er sich noch nicht profiliert.

Großbritannien darf mehr erwarten von muslimischen Intellektuellen, den Imams, den Moscheeräten, von Familienvätern, deren traditionelle Pflicht es ist, ihre Kinder im Islam zu erziehen, auch wenn sie selbst längst nicht mehr in die Moschee gehen. Langfristig hängt alles davon ab, ob sie ein modernes Modell für die Integration der Muslime finden und vorleben.

Kurzfristig wünschte man sich weniger Ambivalenz und Zweideutigkeit, vor allem eine kritischere Debatte über den Standardvorwurf der „Doppelmoral“, der Behauptung, der Westen schreie Zeter und Mordio bei Terroropfern, bleibe aber kalt gegenüber getöteten Zivilisten im Irak oder im Libanon. Dies ist schon deshalb falsch, weil die meisten Muslime in Nahost und anderswo von Muslimen selbst getötet werden.

Große Hoffnungen sollte man nicht hegen. Beim jüngsten Treffen zwischen Regierung und MCB forderten dessen Vertreter zunächst einmal die Einführung von Scharia-Kammern bei Familiengerichten. Ruth Kelly, Ministerin für Erziehung, versprach, die Vorschläge „prüfen“ zu wollen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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