Großbritannien
Grenzen der Toleranz

Briten haben sich nie in kontinentaler Art mit Definitionen ihrer nationalen Identität gequält. Ihnen genügten ihre Insellage und das Realitätsprinzip.

Nicht ihre ethnische Reinheit sei einzigartig, sagte der verstorbene Außenminister Robin Cook einmal, sondern „der schiere Pluralismus ihrer Ahnentafel“. Selbstbewusste Weltoffenheit war angesagt. Drei Jahrzehnte lang war der Lobpreis des Multikulturalismus offizielle Ideologie. Wehe dem, der anders dachte, wie etwa der Bradforder Schulleiter Ray Honeyford. Als er 1982 in einem heute aufmerksam studierten Essay argumentierte, die Aufgabe des Staates sei, die Integration von Einwanderern zu fördern, nicht ihre kulturelle Identität zu schützen, wurde er unter heftigen Debatten aus dem Amt gejagt.

Dann kam die Globalisierung. Multikulturalismus wurde zum Standortvorteil. „Die ganze Welt an einem Ort“, ist Londons Werbespruch. Ein im Jahr 2000 verfasster Immigrationsbericht hob fast stolz den „transnationalen Charakter“ der multikulturellen Gesellschaft hervor, als sei dies der Inbegriff einer Fortschrittsgesellschaft. Londons Bürgermeister Ken Livingstone, ein Hauptpropagandist, deutete den Bombenanschlag vom Juli 2005 in einer emotionalen Rede als Attacke auf den Multikulturalismus und das Ideal des toleranten Zusammenlebens in Freiheit.

Doch nun ist die Sache noch komplizierter geworden. Nicht nur hatte die so tolerante multiethnische Gemeinschaft selbst diese Selbstmordattentäter hervorgebracht. Seit die Briten wissen, wie groß das Potenzial der Sympathien ist, die die Terroristen bei ihren islamischen Glaubensbrüdern genießen, kommt die alte xenophobe Angst wieder hoch. Als im Juli die Flughafenverschwörung aufflog, bekannten 53 Prozent, dass sie den Islam als Religion fürchten. Honeyford, seit 1984 verbitterter Frührentner, durfte erleben, dass die Labour-Regierung eine „Kommission für Integration“ gründete. Großbritanniens selbstkritischer Diskurs über den Multikulturalismus ist in vollem Gange. Die Parole gab Ruth Kelly aus, Ministerin für Volkszusammenhalt: Nun dürfe es keine Tabus politischer Korrektheit mehr geben.

Ausgerechnet der Chef der britischen Rassengleichheitskommission, Trevor Phillips, hatte mit dem Argument den Anfang gemacht, der Multikulturalismus schaffe mit seiner Verachtung für alle Assimilierungsversuche eine Apartheidgesellschaft, weil er statt Integration Segregation begünstige. Als der Sohn von Einwanderern aus der Karibik gar den „Notting Hill Karneval“ für die Multikulti-Gesellschaft als „Inlandstourismus“ verspottete, platzte Ken Livingston der Kragen.

Die Debatte ist scharf, vielschichtig und dürfte für Beobachter und Bewunderer des britischen Pragmatismus interessante Lehren bringen. Auch deshalb, weil die Briten das Kind wohl nicht gleich mit dem Bade ausschütten werden. Interessant zum Beispiel, wie wenig Echo die haben, die nun eine „Leitkulturdebatte“ führen wollen. Schatzkanzler Gordon Brown grübelt viel über „Britishness“ nach. Der schwarze Erzbischof von York, John Sentamu, empfahl, die „Freuden des Englischen“ zu feiern. Aber man erkennt schnell, wo die Interessen des Kirchenmannes und des schottischen Politikers liegen, der Premier werden will.

Phillips warnte, die massive Immigration bedrohe Großbritanniens Institutionen. Nicht nur verändere sich die Zusammensetzung der Nation. Wenn Einwanderergruppen zunehmend eigene Schulen, Zeitungen, Läden haben, „schrumpfen gemeinsame Erlebnisbereiche“. So stoßen die Briten plötzlich auf die alten Paradoxe, die im Kern der Debatte stehen. Wie geht die Toleranzgesellschaft mit der Intoleranz einiger ihrer neuen Mitglieder um? Wie sichert sie das Primat ihrer säkularen Verfassung vor religiösen Absolutheitsansprüchen? Wie verhindert sie Isolationismus, ohne entmündigende Assimilationszwänge in den islamischen Konfessionsschulen zu schaffen?

Die Briten begreifen, dass der ethnische Mix nicht nur geschützt, sondern auch gemanagt werden muss. Ein System, das auf Offenheit angelegt war, muss seine Grenzen definieren und sogar Möglichkeiten der Ausgrenzung einüben – dort, wo Redefreiheit, Geschlechtergleichheit, die Verpflichtung zu Toleranz und den demokratischen Spielregeln auf dem Spiel stehen. Die multikulturelle Gesellschaft, die zu allem Ja sagte, muss lernen, Nein zu sagen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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