Großbritannien
Houdini Brown

Der britische Schatzkanzler Gordon Brown muss auf dem Labourparteitag in Manchester und in den Führungsdebatten in den kommenden Wochen, vielleicht sogar Monaten, die den Briten noch bevorstehen, ein wahrer Entfesselungskünstler werden.

Er muss die Schlingen der Vergangenheit abwerfen, die ihn an Tony Blair und die New-Labour-Politik der letzten Dekade binden. Er muss der Labourpartei und den Briten die Vision eines Neubeginns aufzeigen und als derjenige auftreten, der neue Ideen und frische Energie mitbringt. Es wird ein Kunststück werden, das eines Houdini würdig wäre. Wer am Sonntag in britischen Zeitungen las, wie Brown Aufgaben von der Regierung an Kommunen und unabhängige Organisationen delegieren will, wie er versprach, die „Sofaregierung“ Blairs durch eine kollegiale Kabinettsregierung zu ersetzen und bürgernahe Politik zu machen, durfte sich schon verwundert die Augen reiben.

Ausgerechnet der Verschwörer, der seit Jahren mit einer kleinen Schar Vertrauter an seiner Kabale arbeitet und im Schatzamt mehr Macht konzentriert hat als irgendein Schatzkanzler zuvor, redet so. Ausgerechnet Gordon Brown, der Tony Blair in so vielen Reformprogrammen bremste, gerade wo es um mehr Unabhängigkeit für Institutionen ging. Nicht ohne Grund nennen die Tories ihn gerne die „Straßensperre für Reformen“.

Wenn das Wunder gelingt, wenn Brown nicht nur Labourchef wird, sondern als Premier auch die nächste Unterhauswahl gewinnt und die Erneuerung Labours schafft, wird er der dominierende britische Politiker für zwei Dekaden: zehn Jahre Co-Premier und dann sein eigener Mann. Aber vielleicht bleibt Gordon Brown auch nur der ewige Zweite, der immer zu spät kommt. Dann erwischt er nur noch den letzten Zipfel der Labourdekade zu fassen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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