Großbritannien
Ohne Joker

Zehn Jahre lang tat Schatzkanzler Gordon Brown als Supermanager der britischen Wunderwirtschaft so, als sei er im Alleingang für das wirtschaftliche Wohlbefinden der Briten verantwortlich. Nun, wo die Krisen sich häufen, die Hauspreise sinken, die Kosten steigen und die Wohlstandsblase platzt, sucht der Premier Brown nach Sündenböcken.
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Die konservative Zeitung „Daily Telegraph“ beglückt ihre Leser diese Woche, begleitet von täglichen Sonderseiten, mit einer DVD-Serie über Margaret Thatcher. Wohl nicht von ungefähr. Zu pointiert kontrastiert das Leitmotiv der Serie, „Leadership“, mit der aktuellen Politik: Premierminister Gordon Brown betreibt fleißig Selbstdemontage. In den Worten eines liberaldemokratischen Politikers macht Brown gerade einen Wandel von „Stalin zu Mr. Bean“ durch.

Wähler und eine wachsende Zahl von Hinterbänklern der Labour-Partei haben Brown nach weniger als zehn Amtsmonaten bereits abgeschrieben. Browns Umfragewerte sind schneller gesunken als je zuvor in der Nachkriegszeit bei einem Premier. Der stabile, zweistellige Vorsprung der Tories bei Umfragen deutet auf einen Regierungswechsel bei der nächsten Wahl, vermutlich 2010. Die Fachzeitschrift „PR Week“ dokumentiert seit Wochen, wie Brown, der nicht den Spindoctors, sondern seinem „moralischen Kompass“ folgen wollte, sein Image zu drehen versucht und dafür schon mehr Geld ausgibt als Tony Blair.

Schlimmer noch als die Geldverschwendung sind seine politischen Pannen. Browns auffälliger Hyperaktivismus verbirgt Unsicherheit und vernebelt politische Visionen. Außenpolitisch gab es verwirrende Signale in den Beziehungen zu den USA. Diese Woche reist Brown nicht als verlässlicher Freund und Partner, sondern als angeschlagener Nebenakteur in die Staaten. In Europa machte er die Unterzeichnung des EU-Reformvertrags zur Farce, reiste erst nach Monaten zum Antrittsbesuch nach Brüssel und schien den Platz am europäischen Debattentisch freiwillig zu räumen. Ähnlich manövrierte er sich in der Frage des Olympiaboykotts zwischen alle Stühle.

Zu Hause ließ Brown sich in eine Serie von Fehlern verstricken, die nicht alle der Subprime-Krise angelastet werden können. Das monatelange Zögern beim Kollaps der Northern-Rock-Bank, die missglückte Reform der Kapitalertragsteuer, die Unternehmer gegen Labour aufbrachte, das Debakel um die Ausländersteuer, das am Nimbus der globalen Finanzhauptstadt London kratzte: all das ramponiert das Image Browns.

Doch entscheidend ist etwas anderes. Zehn Jahre lang tat Schatzkanzler Brown als Supermanager der britischen Wunderwirtschaft so, als sei er im Alleingang für das wirtschaftliche Wohlbefinden der Briten verantwortlich. Nun, wo die Krisen sich häufen, die Hauspreise sinken, die Kosten steigen und die Wohlstandsblase platzt, sucht Brown nach Sündenböcken. Wie gestern beim Krisenfrühstück mit britischen Bankchefs.

Brown brüstete sich mit der niedrigen Inflation, die der Westen mit Asiens deflationären Preisen importierte. Er punktete mit dem flexiblen Arbeitsmarkt und der hohen Beschäftigung, die ein Erbe der Reformen Thatchers war. Er spulte die Zahlen des britischen Rekordwachstums herunter, vergaß dabei aber, die Bilanzrisiken offenzulegen: Schulden und explodierende Häuserpreise.

Zwischen 2001 und 2006 lenkten britische Privathaushalte 256 Milliarden Pfund durch Darlehen aus ihren Häusern in den Konsum. Parallel dazu schürte Brown durch Steuererhöhungen und Schuldenaufnahme die Staatsaktivität. Nicht viele Briten glauben, dass die Strukturprobleme in Bildung, Verkehr oder Gesundheitswesen gelöst sind. Aber in Nordengland, in Wales, in Nordirland werden heute 60 Prozent der Gesamtwirtschaft direkt aus der Staatskasse finanziert – ganz wie im Sozialismus. Brown ist nun verwundbar für die Attacken der Opposition, die direkt auf Labours Wirtschaftskompetenz zielen.

Was nun? Eine Serie von Parteirevolten zeigt, wie nervös die Labour-Abgeordneten sind. Die größte Niederlage könnte am Montag kommen, wenn das Unterhaus über Browns schwersten Fehler abstimmt: die Abschaffung des zehnprozentigen Einstiegssteuersatzes. Sie ist nun in Kraft getreten und trifft Niedrigverdiener, die sich so oder so kaum über Wasser halten können. Als über 70 Labour-Abgeordnete in einer Fraktionssitzung dagegen protestierten, soll Brown ratlos gestammelt haben, er sei für Vorschläge offen.

Man spricht von Putschversuchen und Verschwörungen und nimmt Maß an möglichen Erben. Aber Brown müsste von selber gehen. Stürzen kann ihn nach den Regeln der Partei fast nichts. Eine klare Alternative zu Brown gibt es nicht. Brown hat in den zehn Jahren als offizieller Blair-Nachfolger verhindert, dass sich neue Führungskräfte profilieren konnten. Er führte jahrelang Grabenkriege gegen Blairs „New Labour“. Nun zeigt sich, dass er selbst keine Joker in der Tasche hat. Es fehlen Köpfe und Ideen. Nur ein Wunder – oder eine unverhofft robuste Wirtschaft – kann Brown noch retten. Sonst bleibt nur politisches Siechtum bis zur nächsten Wahl.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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