Großbritannien
Putschist ohne Biss

Nun geht es erst richtig los. In der britischen Regierungskrise ist die Frage nicht mehr, wann Blair nun endlich geht, sondern ob Gordon Brown sein Nachfolger werden darf, soll und wird.

Der Schatzkanzler machte sich große Hoffnungen auf eine elegant orchestrierte Amtsübergabe. Sie sind zerstört. Gegenkandidaten stehen schon in den Startlöchern. Brown sah sich letzte Woche noch mutig nach der Macht greifen. Doch von seiner Intrige gegen Blair ist nur ein Trümmerhaufen geblieben. „Wie töricht“, kommentiert ein Labourabgeordneter, „wenn man weiß, dass man im nächsten Jahr Kapitän wird, versenkt man nicht das Schiff.“

Im Ausland wird man die Gegenoffensive der Brown-Gegner, die nicht nur Blair-Anhänger tragen, erst einmal weniger ernst nehmen. Für die Briten wird sie spannender und unterhaltsamer, auch schicksalsträchtiger als das Spektakel der vergangenen Woche. Sie denken 16 Jahre zurück, an den Sturz Frau Thatchers und die verheerenden Wunden, die er in der Konservativen Partei hinterließ. Erst jetzt haben die Tories wieder eine gemeinsame Linie und das Vertrauen der britischen Wähler.

Das Gift, das nun in der Labourpartei verspritzt wird, wirkt lange über die nächste Führungswahl hinaus. Könnte Brown, sollte ihm die Krone doch noch aufgesetzt werden, die Partei wieder einigen? Auch wenn er in der BBC bestritt, dass er hinter der Verschwörung stand – zumindest hatte er es Blair gegenüber an Unterstützung fehlen lassen. Im entscheidenden Moment stand er unschlüssig abseits, weder solidarischer Kampfgefährte noch ein mutiger Putschist, der die Sache schnell über die Bühne bringt. Das hat die Zweifel an seinen Führungsqualitäten für alle sichtbar gemacht. Schon spüren die Blairites den Vorteil und haben mit einer „Alle, bloß nicht Gordon“-Kampagne begonnen. Blair selbst schlug am Wochenende alle Einladungen aus, dem alten Kampfgefährten ein Charakterzeugnis auszustellen. Plötzlich ist nicht nur ungewiss, ob sich Labour gegen die immer souveräner aufspielenden Tories über die nächste Unterhauswahl hinaus halten kann. Ungewiss scheint, ob Brown überhaupt der kommende Mann ist.

Wie bitter die Stimmung ist, zeigt der Ausfall des ehemaligen Innenministers Charles Clarke, eines Mannes, den Blair erst vor ein paar Monaten gefeuert hat und der niemand etwas schuldet. Die Briten verstehen gut, was er meinte, als er Brown einen „unkollegialen Kontrollfreak“ nannte. Und sie sehen die Unsicherheit und Nervosität, die Brown vorgeworfen wird, nun selbst umso deutlicher, wo der langjährige Kronprinz plötzlich im Rampenlicht steht und führen muss. Und wenn Brown es doch schafft? Wofür er wirklich steht, außer für ein erfolgreiches, aber übertrieben interventionistisches Mikromanagement des Staatshaushaltes, das weiß niemand in Großbritannien so recht. Brown ist ein monothematischer Politiker. Seit seinem Einzug ins Parlament 1983 hat er nur Haushaltspolitik gemacht. In der BBC murmelte er am Sonntag vage etwas von mehr Einbindung der „Communities“ in die gesellschaftliche Verantwortung. Das hat er den Konservativen abgeschaut. Wenn Labour nach dem Laissez faire der Thatcher-Jahre wieder den aktiven Staat propagierte, war Brown es, der übers Ziel hinausschoss: beim Steigern der Staatsquote, die nun höher als in Deutschland liegt, und der zentralistischen Gängelung aller Entscheidungsprozesse. Im Dauerstreit mit Brown um die Grenzen zwischen dem bevormundenden Staat und individueller Verantwortung musste Blair so viele Federn lassen.

Die gängige Erwartung ist, dass Brown Blairs New-Labour-Politik mehr oder weniger fortsetzen wird. Aber während Blair seinen sozialdemokratischen Wirtschaftsliberalismus gegen die eigene Partei immer mit Zähnen und Klauen verteidigte, nutzte Brown jede Gelegenheit, auf Parteitagen und Gewerkschaftskonferenzen mit feurigen Reden die alten Instinkte zu kitzeln. Das waren Versprechungen, die Parteilinke wie Gewerkschaftsboss Dave Prentis nun schon einfordern: Wenn Brown nicht zeige, dass er anders sei als Blair, werde er der kurzlebigste Premier der Labourgeschichte.

Blair musste letzte Woche dafür büßen, dass er wie Thatcher fast zehn Jahre lang über die Köpfe seiner Parteigenossen hinweg regierte. Erst aßen sie ihm aus der Hand, dann aber entfremdeten sie sich zunehmend. Unter Gordon Brown würde, wie bei Thatchers Nachfolger John Major, eine Periode parteipolitischer Dominanz über den Regierungschef beginnen: eine zerstrittene Partei, ein führungsschwacher, kommunikationsunfähiger Premier, ein Programm ohne klare Richtung: kein Rezept für die glorreiche Zukunft, die Brown den Briten verspricht.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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