Grossbritannien
Rettende Krise

Gordon Brown ist britischer Premier", stand am Samstag im "Guardian" unter einem Beitrag des Labour-Parteichefs, geradeso, als müsse man die Leser noch einmal daran erinnern. Niemand wird es gelesen haben, ohne ein stilles "noch" einzufügen.

In dem Beitrag zum Auftakt des Labour-Parteitages in Manchester empfahl sich Brown als Retter in der Not. In dieser Finanzkrise von historischen Ausmaßen, argumentierte er, brauche es "feste und entschlossene Führung". Aber im Grunde verhält es sich genau umgekehrt. Nicht Brown ist der Retter in der Krise. Die Krise rettet den Premier. Sie zwingt die Genossen auf dem Parteitag in Manchester, sich noch einmal hinter ihm aufzustellen.

Aber das Solidaritätsfest, das sie vorführen wollen, ist ein Notprogramm, keine Herzenssache. Umfrage nach Umfrage zeigt, dass Browns politische Aktien wertlos sind. Er ist für Labour, was der Versicherer AIG für die amerikanische Wirtschaft ist: ein angeschlagener Koloss, der nicht stürzen darf, weil er alles mit sich reißen würde. Es wäre Wahnsinn, würde sich Labour mitten in den Turbulenzen der Finanzkrise auf die Provinzposse eines Führungsstreits konzentrieren.

Ein Grund ist, dass Labour keine Personalalternative hat. Brown blockierte elf Jahre lang als Tony Blairs ewiger Kronprinz jeden, der sich neben ihm profilieren wollte. Dabei machte er sich so viele Feinde, dass er vom Kabinett bis zur Parteibasis unbeliebt ist. 54 Prozent der Parteimitglieder wollen einen anderen Parteichef. Nur noch die treuesten sind mit ihm im Bunker verschanzt.

Aber die Partei konnte, derart von Brown blockiert, auch keine neue Vision entwickeln. Brown ist der Mann von gestern. Er spricht von Entschlossenheit und Kompetenz, ist aber unauflöslich mit den Fehlern der Vergangenheit, dem Überschwang der Labour-Dekade verbunden. Der Kampfruf der Partei war der Blair'sche Optimismus, das Versprechen des dritten Weges, Märkte, Globalisierung, Kapitalismus und soziale Gerechtigkeit zu verbinden. "Things can only get better", war Labours Titelmelodie.

Das ist jetzt vorbei. Die Säulen, auf denen Labour stand, sind eingestürzt. Labours Reformleistung in Staat und Gesellschaft wird schon lange angezweifelt, nun auch der Wirtschaftserfolg. Brown spannte die City, die von den Tories im "Big Bang" befreit worden war, vor seinen Wagen. Nun liegt sie auf den Knien. Die britische Dienstleistungswirtschaft wird es in der kommenden Rezession schwer haben. Die Staatskassen sind leer, die Steuern werden steigen. Zu viel Geld wurde vergeudet. Je öfter Brown wie eine Schallplatte wiederholt, Großbritannien sei für die kommenden Stürme besser gerüstet als andere Länder, desto unglaubwürdiger wird er.

Privathaushalte und Staat addieren Schulden und Verpflichtungen, die nicht im Haushalt aufgelistet sind, zusammen. Etwa die Pensionsverpflichtungen über 980 Milliarden Pfund für Browns wachsendes Heer unproduktiver Staatsbeamter, für die es keine Rücklagen gibt: Sie machen sage und schreibe eine Billion Pfund aus. In Manchester brüstete sich Brown mit einem Steuergeschenk von 120 Pfund pro Steuerzahler. Dass es sich um eine von Rebellen erkämpfte Kompensation für seinen größten steuerpolitischen Fehler handelte, verschwieg er. Er werde tun, "was immer notwendig ist", um die Krise zu meistern, sagte er. Was das ist, erfuhr man nicht. Je eindringlicher Brown von "Labour-Werten" spricht, desto mehr klingt er wie ein Technokrat, der sich in der Komplexität seiner Systeme verstrickt hat.

Vor einem Jahr stand der Labour-Chef als Gigant auf der Parteitagsbühne, ein Goliath gegen einen chancenlosen Winzling, den Tory-Chef David Cameron. Wie viel sich seither geändert hat! Niemand glaubt, dass die Konservativen die nächste Wahl verlieren können. Bis dahin müssen die Briten, was immer passiert, mit einer angeschlagenen, visionslosen Regierung leben.

Umso mehr ist Cameron jetzt gefordert. Die Welt muss endlich wissen, was seine Visionen und Lösungen sind. Seit Blairs Abgang wird die politische Debatte in Großbritannien wie die TV-Show X-Factor geführt - Großbritannien sucht den Superstar. Nun beginnt eine neue Epoche, in der wirkliche Antworten nötig sind.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%