Großbritannien
Spielball Europa

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Gordon Brown mag sich in seiner jüngsten Rede staatsmännisch als Vater der Nation gegeben haben, der unbeirrt von den fiebrigen Wahlspekulationen seine Arbeit tut. Die gestrige „Sun“ wird Brown doch aufmerksam studiert haben. Über viele Seiten hinweg rechnete sie dem Premier vor, wo er in den Wählerumfragen wirklich steht: acht Prozent vor den Tories. Aber das ist nur die eine Seite der Rechnung, die Großbritanniens meinungsführende Boulevardzeitung dem Premier präsentierte.

Die „Sun“ forschte weiter und holte den Knüppel aus dem Sack. Wenn Brown den Briten ein gesondertes EU-Referendum verspricht, würde seine Mehrheit auf 49 Prozentpunkte gegen 32 für die Tories steigen – 17 Prozentpunkte Vorsprung, beispiellos in der britischen Geschichte. Wenn nicht, so die mit Hilfe von Ipsos/Mori angestellte Umfrage, gibt es ein Kopf- an-Kopf-Rennen mit den Tories.

Wie Brown auf diese Botschaft reagiert, bleibt vorerst sein Geheimnis. Aber niemand sollte die unbeirrte Entschlossenheit unterschätzen, mit der sich dieses Ausnahmetalent seit 25 Jahren mit einer Mischung aus Eselsgeduld, dicker Haut und feinen Antennen für den politischen Wind an die Spitze seiner Partei und der Regierung bugsierte. Nicht von ungefähr kennen wir nach all diesen Jahren Browns taktisches Talent immer noch besser als seine wahren Überzeugungen.

Erst recht, wenn es um Europa geht. Die Briten brauchten die Freundschaft mit Europa, sagt er. Aber würde er dem Europavertrag die Chance opfern, seine Regierungsmehrheit jetzt auf Jahre hinaus zu zementieren? Wir lassen uns überraschen. Niemand sollte unterschätzen, wie sehr Großbritanniens Politik in den nächsten Wochen von einer Kraft bestimmt wird: Browns Willen zur Macht.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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