Großbritannien-USA
Auf neuem Kurs

Tony Blair veröffentlichte jüngst unter dem Titel „Eine globale Allianz für globale Werte“ sein außenpolitisches Testament. Aber in Wahrheit befindet sich die britische Außenpolitik am Ende von über neun Jahren Blair im Niemandsland des Wartens.

Die Energie ist verpufft. Die Diplomaten pflegen die Wunde Irak, die alles mit ihrem Wundbrand infiziert. Man wartet auf den nächsten amerikanischen Präsidenten und den nächsten Premierminister. Ausgerechnet unter dem Internationalisten Blair sind die Briten Gefangene ihrer „special relationship“ mit den USA geworden. Blair selbst hat seinen politischen Niedergang fast ausschließlich der Freundschaft mit dem amerikanischen Präsidenten zu verdanken. Bushs weltweite Unbeliebtheit zog dabei auch Blair hinunter. Besiegelt wurde das durch die offenen Mikrofone, die auf dem Petersburger G8-Gipfel Bushs herablassendes „Yo, Blair“ mitschnitten und den Briten zeigten, wie einseitig diese Beziehung geworden war. Es war der Moment, an dem die Labour-Revolte gegen Blair begann.

Denn im Irak ist die britische Armee zur Geisel der amerikanischen Politik geworden. Das war das, unterm Strich, was Armeechef Sir Richard Dannatt in seinen sensationellen Äußerungen der „Daily Mail“ sagte. Die Invasion nannte er „naiv“, erst recht die Politik danach. Nun verschlimmerten die Briten im Irak die Situation nur noch, richteten militärisch nichts mehr aus und seien zudem durch den Einsatz in ihrer Sicherheitspolitik und im Kampf gegen den Terror behindert – weltweit und zu Hause in der Argumentation mit den eigenen Muslimen. Das Primat der Blairschen Politik war, dass man die USA nicht sich selbst und ihren unilateralen Neigungen überlassen dürfe. Aber Blair war zu schwach und wurde von seinem Pakt mit Bush selbst ins Abseits gedrängt. Die Folge ist eine Belastungskrise für die „special relationship“. Nie wurde in Großbritannien so kritisch über sie gesprochen. Man will neue Spielregeln, und wieder einmal formulierte das Tory-Chef David Cameron am kühnsten.

Am selben Tag, als Margaret Thatcher mit Vizepräsident Dick Cheney den „Schulterschluss“ mit den USA beschwor, distanzierte sich Cameron vom Weltbild der Neo-Cons und skizzierte eine neue, kritischere Beziehung zu den USA. Man kann sicher sein, dass die USA sich in kommenden politischen Krisen nicht mehr so blindlings auf die britische Position verlassen können, egal, wer in London am Ruder sitzt. Wäre das nicht eine gute Gelegenheit für die Briten, die europäische Dimension ihrer Politik wieder zu entdecken? EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso mag solche Hoffnungen gehegt haben, als er die Parteiführer Blair und David Cameron diese Woche in London aufforderte, nicht nur beleidigt an der Peripherie Europas zu stehen, sondern wieder mitzumachen.

Aber wer so denkt, muss auch die Grenzen erkennen, die eine Neubestimmung der „special relationship“ haben wird. Großbritanniens Beziehung mit den USA ist keine Option und keine Alternative zu Europa. Mögen die Briten ein bisschen selbstständiger von Washington werden, an den tiefen kulturellen, ideologischen, wirtschaftlichen und menschlichen Banden wird sich nichts ändern. General Dannatt hat eine Debatte angestoßen und den Unmut der Armee artikuliert. Einen unilateralen Abzug der britischen Armee aus dem Irak wird es jedoch nicht geben, sosehr er ihn sich auch wünschen mag. Undenkbar, dass London den transatlantischen Partner politisch derart bloßstellen würde. Die Briten werden eng in die amerikanische Politik eingebunden bleiben, egal wer in Zukunft in London oder Washington regiert.

Die Chance liegt somit nicht im Bruch, sondern eben in der Kontinuität der britischen USA-Politik. Wenn die Briten in der „special relationship“ neuen Spielraum zurückgewinnen, haben sie auch eine bessere Chance, von Europa verstanden zu werden. Wenig weiß man, was Gordon Brown außenpolitisch vorhat. Klar ist, dass er mehr Bewunderung für die amerikanische Wirtschaftsdynamik als für Europas Reformangst hat. Brown ist zuerst ein Transatlantiker wie jeder britische Politiker. Aber er weiß auch und sagt es immer häufiger, dass Europa und die USA zusammenkommen müssen. In seiner Londoner Sicherheitsrede beschwor er Europäer und Amerikaner, wieder zu einer gemeinsamen Sprache und einer gemeinsamen Verständigung über ihre Werte und Ziele zu finden. Gelänge dies nicht, wäre dies an sich schon eine Ermutigung der Terroristen. Brown hat nicht die rhetorische Gabe Blairs. Aber er hat die Chance, Blairs geliebte transatlantische Brücke wieder zu eröffnen. So könnte er noch zum Testamentsvollstrecker seines Rivalen und Blairs globaler Allianz der Werte werden.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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