Große Koalition
Merkels Bumerang

Aller Unkenrufe zum Trotz hat Angela Merkel es nun doch geschafft: Sie zieht ins Kanzleramt ein und steht damit für eine zweifache historische Premiere: Erstmals wird eine Frau aus Ostdeutschland Regierungschefin der Bundesrepublik. Das ist eine Sensation, auch wenn Merkel es bewusst vermied, aus ihrer Geschlechtszugehörigkeit und ihre Herkunft ein Thema zu machen.

Dass es Merkel trotz ihres enttäuschenden Wahlergebnisses gelang, das Kanzleramt zu erobern, ist für sie zweifellos die Krönung ihres erstaunlichen politischen Aufstiegs. Ob sich in der Union alle mit Merkel freuen können, ist dagegen weniger sicher. Auf den ersten Blick scheint es, dass die CDU/CSU einen sehr hohen Preis für die Kanzlerschaft Merkels zahlen musste: Vom Auswärtigen Amt bis zum Finanz- und Arbeitsministerium gehen nahezu alle Schlüsselressorts in der künftigen Bundesregierung an die SPD.

Die vielen schönen Ministerämter könnten sich allerdings bald als politischer Bumerang erweisen. Denn die Sozialdemokraten haben sich die unpopulären Entscheidungen der nächsten Jahre allein aufgehalst: Der Finanzminister muss Ausgaben kürzen und womöglich die Mehrwertsteuer erhöhen, der Arbeitsminister die Nürnberger Bundesagentur sanieren und die Gesundheitsministerin bei Pflege und Gesundheit die Beitragssätze stabilisieren. Politik paradox: Genau jene Reformen, an denen die SPD Bundeskanzler Gerhard Schröder zuletzt hindern wollte, muss sie nun unter Merkel weiter betreiben und ihren Wählern verkaufen – und zwar ohne ihren Star Schröder. Um so schwerer wiegt, dass ein neuer Hoffnungsträger bei der SPD immer noch nicht in Sicht ist.

Angela Merkel startet zweifellos als schwache Kanzlerin. Doch viel spricht dafür, dass die Zeit für sie arbeitet.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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