Große Koalition
Wenn das Vertrauen fehlt

Wir erleben einen Nervenkrieg, in dem nicht mehr zu verstehen ist, was die zur Partnerschaft gezwungenen großen Parteien eigentlich wollen: Der Kanzler relativiert nicht zum ersten Mal die eigene Rolle, SPD-Chef Franz Müntefering nimmt die als Rückzug interpretierte Andeutung zurück, die Union stellt die Sondierungen in Frage.

Dabei ist das, was Union und SPD anstreben, ganz einfach: eine stabile große Koalition. Bloß glauben beide Seiten noch nicht, dass die jeweils andere es auch so meint. Ehe sie ihre Trümpfe aus der Hand geben, wollen sie sich aber sicher sein, dass sie dies nicht später bitter bereuen müssen. Die Franzosen sprechen schön bildhaft von „se mouiller“: Man muss sich nass machen, wenn Koalitionsverhandlungen laufen, Zugeständnisse machen, hinter die man nicht mehr zurückkann. Wer aber springt als Erster ins kalte Wasser? Es geht also um sehr viel mehr als um aufgeblasene Egos.

Man muss nicht jede Bedingung (der SPD) oder jedes Ultimatum (der Union) für bare Münze nehmen. Aber man darf das Getöse auch nicht für reinen Theaterdonner halten. Denn das zwischen freundlicher Annäherung und barscher Zurückweisung oszillierende Verhalten von SPD, CDU und CSU hat einen handfesten Hintergrund: Es gibt keine Vertrauensbasis zwischen den möglichen künftigen Koalitionspartnern.

In Berlin brennen viele kleine und große Feuer des Misstrauens. Die Union traut Gerhard Schröder nicht über den Weg und fürchtet seine Überraschungscoups. Sie hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Sozialdemokraten mit Schröder oder ohne ihn andere Machtoptionen verfolgen, sprich: ein Bündnis mit der Linkspartei.

Die SPD dagegen fragt sich, ob die Union nicht doch im Zusammenspiel mit Bundespräsident Horst Köhler Neuwahlen anstreben oder zumindest damit drohen wird, wenn die Sozialdemokraten erst einmal auf Schröder verzichtet haben. Sie fühlen sich erpressbar, weil sie nach Schröders Rückzug ohne zugkräftigen Spitzenkandidaten dastünden. Daneben überlegen die Sozialdemokraten, ob die Union sie überhaupt noch sichtbar werden ließe in einer Republik, in der CDU und CSU die Kanzlerin, die Bundesratsmehrheit und den Bundespräsidenten stellten.

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