Große Parteien verlieren an Einfluss
Indiens schwere Wahl

Just zum Auftakt der Parlamentswahl in Indien haben die Kapitalmärkte dem Land ein Kursfeuerwerk beschert. Das Börsenbarometer Sensex stieg seit dem 9. März um berauschende 35 Prozent. Man könnte angesichts dieses Manifests der Zuversicht meinen, ein Heilsbringer stehe vor dem sicheren Wahlgewinn. Tatsächlich aber ist völlig unklar, wie die Wahl ausgehen wird.
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NEU-DELHI. Außerdem steht keine starke Führungspersönlichkeit zur Wahl. Ministerpräsident Manmohan Singh, der Spitzenkandidat der Kongresspartei, ist 76, sein Herausforderer Lal Krishna Advani von der BJP gar 81 Jahre alt. Beide haben den Zenit ihrer Karriere überschritten, beiden haftet der Ruf einer Übergangslösung an. Sicher ist bei dieser Wahl nur: Wer immer Indiens nächster Premierminister sein wird, er wird einer schwachen Regierung aus vielen Parteien vorstehen, die weder eine gemeinsame Vision noch eine homogene Wählerklientel einen.

Was das bedeutet, konnte man gut an Singhs scheidender Regierung sehen. Die von der Kongresspartei gezimmerte Koalition aus 13 Parteien, angewiesen zudem auf die Unterstützung der Kommunisten, war praktisch gelähmt. Singh, ein hervorragender Ökonom und der Architekt von Indiens wirtschaftlicher Öffnung Anfang der neunziger Jahre, ist mit fast jedem seiner Reformvorschläge am Widerstand in den eigenen Reihen gescheitert. Dass Indien dennoch in den fünf Jahren seiner Regierung einen fulminanten Boom erlebte, lag maßgeblich am Überfluss billigen Geldes und an einer robusten Weltwirtschaft.

Jetzt allerdings ist die Party vorbei, und zwar abrupter, als viele Inder wahrhaben wollen. Die Industrieproduktion ist auf den tiefsten Stand seit 14 Jahren gefallen, die Exporte liegen 30 Prozent unter dem Vorjahreswert, die Arbeitslosigkeit steigt rasant. Niemand kann zurzeit vorhersagen, ob die Talsohle des Abschwungs bald erreicht ist oder der Niedergang noch tiefer und schmerzlicher wird. In jedem Fall wartet auf die neue Regierung ein schwieriger Job, der mehr noch als vor fünf Jahren klare Mehrheitsverhältnisse bräuchte.

Denn der hochfliegende Traum von Indien als neuer Wirtschaftsweltmacht, die Begeisterung über Softwaregenies und Mondmissionen hat aus dem Blick gerückt, wie gewaltig der Berg der Probleme dieses Landes in Wahrheit ist. 500 Millionen Inder leben unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 Dollar am Tag. Das sind mehr Menschen, als die EU Einwohner hat. An ihnen ist der Boom der vergangenen Jahre völlig vorbeigegangen. Im Human-Development-Index der Vereinten Nationen ist Indien seit 2004 um fünf Plätze auf Rang 132 abgerutscht, liegt schlechter noch als Äquatorialguinea.

Die nächste Regierung muss mit einschneidenden Strukturreformen die Wirtschaft wieder flottbekommen, zugleich aber die Existenzängste der Armen berücksichtigen. Sie muss Hunderte Milliarden in die völlig marode Infrastruktur und bessere Schulen stecken, aber eben auch Millionen Menschen vor dem Verhungern retten. Das dazu nötige Geld indes fehlt: Indiens gesamtstaatliches Haushaltsdefizit beträgt astronomische elf Prozent. Unter diesen Bedingungen bedeutet jede Entscheidung eine verdammt unbequeme Wahl.

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