Großzügige Kreditvergabe
Südkoreas Banken: Alte Fehler

Genau ein Jahrzehnt nach der asiatischen Währungskrise stehen die Bilanzen vieler südkoreanischer Banken wieder unter Wasser. Sie haben den Fehler noch einmal begangen, im Verhältnis zum Kapital allzu großzügige Kredite zu vergeben.

Die Regierung Lee Myung-Bak muss die Branche jetzt mit Steuergeld stützen. Das versteht sich angesichts der globalen Trends zwar von selbst, ist in Korea jedoch überlebenswichtig.

Rückblick auf die Lage vor nur zwei Monaten: Damals wollte die Korea Exchange Bank ernsthaft mit einem hohen Gebot bei der sinkenden US-Investmentbank Lehman Brothers einsteigen. Im Gespräch war angeblich ein Milliardenbetrag. Die Koreaner hätten damit nicht unternehmerischen Mut bewiesen, sondern Tollkühnheit. Ein japanischer Konkurrent schnappte sich nur zwei Wochen später Lehmans komplettes Europageschäft für zwei Dollar.

Doch die Fehlsteuerung ist nicht allein die Schuld der Manager. Koreas Banken wirtschaften immer noch eher staatstragend als klug. Die Kreditvergabe wuchs seit 2004 um 56 Prozent. Das allein wäre kein allzu großes Problem, doch der Geldfluss war nicht ausgeglichen. Das Verhältnis zwischen Einlagen und ausgegebenen Krediten liegt in Korea bei 150 Prozent. Anders gesagt: Die Banken haben 1,5-mal mehr Geld verliehen, als sie eigentlich zur Verfügung hatten. In Japan liegt das Verhältnis lediglich bei 75 Prozent - da ist noch Luft für Notfälle drin.

Noch gefährlicher sieht der drohende Devisenmangel aus. Den Hunger der Wirtschaft nach Dollar, um beispielsweise Eisenerz und Öl kaufen zu können, stillten die Koreaner mit einem riskanten Kreisgeschäft. Sie nahmen kurzfristige Fremdwährungskredite im Ausland auf. Das Geld floss dann in langfristige Projekte, aus denen es sich nicht ohne weiteres wieder abziehen ließ. Stattdessen nahmen die Banken neue kurzfristige Kredite auf. Das ging so lange gut, wie das große Investmentrad sich drehte. Zuletzt mussten die Institute aber in kurzer Zeit gigantische Dollarbeträge bereitstellen, weil internationale Investoren aus schierer Geldnot ihr Kapital heimholten.

Das Geld ist also definitiv weg. Ihre kurzfristigen Kredite in Fremdwährungen müssen die Banken aber trotzdem bedienen. Im Juni kommenden Jahres beispielsweise werden zeitgleich etwa 80 Milliarden Dollar fällig. Wegen des Verfalls der örtlichen Währung Won brauchen sie zudem immer mehr eigenes Geld, um einen Dollar zu kaufen. So war es auch vor elf Jahren, wenn auch in kleinerem Maßstab. Heute wie damals hilft der Staat aus und verspricht den ausländischen Gläubigern die Kreditrückzahlung aus der eigenen Devisenkasse.

Das Verhalten der Banken war mit Blick auf das Gesamtbild jedoch durchaus verständlich. Die Wirtschaft wuchs mit Raten um fünf Prozent und fragte laufend neue Kredite nach. Wenn die Banken in ihrer Vergabe strenger gewesen wären, hätten sie sich in guten Zeiten den Vorwurf eingehandelt, durch Geiz den Mittelstand abzuwürgen. Im Sinne der Staatsräson galt es als angebracht, die Unternehmen großzügig mit Geld zu versorgen.

Die Staatsräson spielt in Korea noch eine übergeordnete Rolle. In den vergangenen Jahrzehnten musste der Tigerstaat sich gegen den technischen Vorsprung des Westens und gegen harte Konkurrenz aus Thailand und Malaysia, später auch aus China durchsetzen. Das ist gelungen: Samsung liegt gleichauf mit Firmen wie Philipps und Panasonic, Koreas Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht bald europäisches Niveau. Möglich war dieser bemerkenswerte Aufstieg nur, weil alle an einem Strang zogen - der Staat, die Großunternehmen, die genügsamen Arbeiter und eben auch die Banken.

Doch jetzt heißt es umschalten auf den Modus eines entwickelten Landes. Transparenz gehört unbedingt dazu. Der koreanischen Elite scheint es jedoch zu widerstreben, wirklich Einblick zuzulassen - die Kontrollsucht ist auf allen Ebenen noch deutlich zu spüren. Jetzt liegt es auch an der Finanzbranche, durchsichtiger zu werden.

Einen weiteren Fehler sollten die südkoreanischen Banken vermeiden. Wenn sich die Manager trotz staatlicher Unterstützung zu früh wieder Boni und Sonderzahlungen genehmigen, werden sie sich mit Sicherheit den Zorn des Volkes zuziehen. Das war bereits Anfang des Jahrzehnts so, als die Institute bereits wieder gewaltige Anreizpakete schnürten, bevor die öffentlichen Kapitalspritzen aus der Zeit der Asienkrise zurückgezahlt waren.

Hier kann das japanische Vorbild helfen. Die Spitzenmanager in den Bankhochhäusern in Tokios Finanzvierteln verdienen nicht übertrieben viel - jedenfalls nicht jene großen Summen, die in anderen Ländern so viel Kritik provozieren.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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