Grüne Gentechnik
Analyse: Ein Hoffnungswert

Im Grabenkampf um die grüne Gentechnik hat sich in Europa seit Ende der 90er-Jahre nicht viel bewegt. Der Anbau von genveränderten Pflanzen (GMO) bleibt weitgehend auf Versuchsfelder beschränkt, die Akzeptanz bei Verbrauchern ist gering und die politische Unterstützung für die Technologie ist in vielen EU-Ländern halbherzig oder nicht existent.
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In diesem Umfeld bietet die jüngste Entscheidung des EU-Ministerrats über die von BASF entwickelte genmodifizierte Stärkekartoffel „Amflora“ zumindest ein Signal der Hoffnung. Die einfache Mehrheit der Umweltminister zu Gunsten der Kartoffel reicht zwar nicht für eine direkte Zulassung. Sie macht aber den Weg frei für eine Entscheidung der Kommission, die wohl zu Gunsten des Produkts ausfallen wird. Erstmals seit fast zehn Jahren wird dann wieder eine gentechnisch veränderte Pflanzensorte eine Anbaugenehmigung für Europa erhalten. An der schwierigen Grundkonstellation in Europa wird sich damit freilich nicht viel ändern. Der politische Widerstand auf der Ebene der Einzelstaaten ist nach wie vor zu stark, zu heftig die Ablehnung der Endverbraucher. Genmodifizierte Pflanzen sind wahrscheinlich die am intensivsten untersuchten Pflanzensorten überhaupt. Dennoch werden sie noch von weiten Teilen der europäischen Bevölkerung in erster Linie als Hochrisiko-Technologie wahrgenommen, als Bedrohung für die Lebensmittelsicherheit und mögliche „Kontamination“ des ökologischen Landbaus. Mit Blick auf die kommerziellen Perspektiven bleiben die Protagonisten der Pflanzenbiotechnologie also auch nach der jüngsten Entscheidung meist auf das Geschäft außerhalb der EU angewiesen, das heißt vor allem auf Amerika und Asien. Dort ist die Genehmigungspraxis wesentlich einfacher.

Weltweit expandierte die Anbaufläche für genveränderte Sorten im vergangenen Jahr immerhin um 13 Prozent auf mehr als 100 Millionen Hektar, wobei vor allem die USA, Argentinien, Brasilien und Kanada den Ton angeben. Aber auch in Indien, China oder Südafrika nimmt der Anbau von GMO rapide zu, während sich die Flächen in Europa auf weniger als 100 000 Hektar, vorwiegend in Spanien, beschränken. Bei Saatgut- und Agrochemie-Konzernen ist die Zuversicht in Sachen grüner Gentechnik daher ungeachtet der verfahrenen Situation in Europa stetig gewachsen. Zusätzlichen Auftrieb bescherte die Diskussion um nachwachsende Rohstoffe. Ohne den Einsatz der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung, so die Überzeugung, ist langfristig weder die Versorgung mit Nahrungsmitteln noch die Entwicklung neuer Pflanzen für Biosprit gewährleistet. Zumindest außerhalb Europas dürften genmodifizierte Sorten damit weiterhin auf dem Vormarsch bleiben.

Die Frage nach den kommerziellen Perspektiven ist gleichwohl nicht leicht zu beantworten. Das große Geschäft mit GMO-Saaten macht bislang überwiegend ein einziges Unternehmen, der US-Konzern Monsanto. Er dominiert etwa vier Fünftel dieses Marktes. Andere wichtige Akteure wie Syngenta, Dupont, Bayer oder BASF tun sich bislang noch wesentlich schwerer, auf dem Gebiet Geld zu verdienen. Dies insbesondere dann, wenn man die Vorleistungen in der Forschung und die zum Teil hohen Investitionen für den Zukauf von konventionellen Saatgut-Firmen in Rechnung stellt. Zudem sorgten die bisher zugelassenen GMOs für einen rückläufigen Bedarf an bestimmtenPflanzenschutzmitteln. Das heißt: Für die meisten industriellen Akteure ist die grüne Gentechnik bisher noch ein Hoffnungswert für das nächste Jahrzehnt, wenn man wirklich einmal mit neuen Pflanzen mit verbesserten Inhaltsstoffen oder höheren Erträgen aufwarten kann. Und selbst dann sind üppige Zusatzerträge keineswegs garantiert. Dies zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit.

Immerhin lieferte die klassische Pflanzenzüchtung auch in den zurückliegenden Jahrzehnten bereits enorme Fortschritte mit Blick auf Anbaueigenschaften und Erträge. Dennoch konnte die Saatgut-Industrie ihren Anteil an der Agrar-Wertschöpfungskette nie auf mehr als ein Prozent ausbauen. Vor diesem Hintergrund ist durchaus denkbar, dass die finanziellen Hoffnungen für die grünen Gentechnik am Ende ebenso überzogen sind wie Phobien ihrer Gegner.

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