Grüne Themen ziehen nicht
11.August 2005: Fischer on Tour

So, jetzt macht?s gut - wir sehen uns alle wieder." Mit diesem Gruß an die Berliner Journalisten verabschiedet sich Joschka Fischer am 8. August in den Wahlkampf. Sein grün lackierter "Joschka kämpft. Mach mit"-Bus - oder, wie Fischer ihn nennt, die "rollende WG" - steht parat, den Außenminister sechs Wochen 14 000 Kilometer kreuz und quer durch die Republik zu schaukeln.

In 60 Städten legt Fischer einen Stopp ein, auf ihren Marktplätzen schreit er sich heiser. Seine Stimme, sagen Mitarbeiter nach zwei Wochen, "klingt wie eine Mischung aus Schleifpapier und Herbstwetter". Auf der Grünen-Web-Site fragen sie nach "Mitteln und Tricks", um der Stimme wieder die "volle Power" zu geben. Fischer selbst gibt zu Protokoll, für jede Stimme zu kämpfen, "auch um meine eigene".

Der Obergrüne zieht, jegliche Umfragen ignorierend, ins letzte Gefecht. Denn glaubt man den Meinungsforschern, hat die Ochsentour keinen messbaren Effekt. Da mag es noch so viele Zuhörer geben, die wie gebannt an seinen Lippen hängen, wenn der lange Zeit beliebteste deutsche Politiker über sein Thema, die Außenpolitik, spricht. Fischer und all die anderen grünen Wahlkämpfer dringen mit ihren Botschaften nur zu ihrer Stammwählerschaft durch. Mehr ist nicht drin. Die Grünen hängen zwischen sechs und sieben Prozent fest. 2002 hatten sie mit 8,6 Prozent die Koalition mit den Sozialdemokraten gerettet. Die SPD macht Boden gut, für Schwarz-Gelb wird es vielleicht eng, für die Grünen aber noch enger. Doch das "Kampfschwein" (Fischer über Fischer) ringt um die Macht: Weder will er vom Wähler von der Regierungsbank verbannt werden, noch will er mit seiner Partei kleinste Oppositionspartei werden - noch hinter dem gehassten Linksbündnis. Erst Anfang September ringt sich Fischer dazu durch, auch für "eine starke grüne Opposition" zu werben.

An den Themen liegt es nicht, dass Grün nicht punktet. Die Machtperspektive fehlt. Für Rot-Grün gebe es keine Mehrheit, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner dem Handelsblatt. Daher werde auch die Zweitstimmenkampagne nichts bringen, mit der die Grünen versuchen, sich stärker von der SPD abzugrenzen und Wechselwähler zu mobilisieren. Wer wählt schon Verlierer?

Größter Verlierer wird das bisherige Zugpferd der Partei sein, Joschka Fischer. Dessen "übermächtige Figur", prophezeien Wahlforscher, "wird mit für Rot-Grün verlorenen Wahlen auch ein bisschen bedeutungsloser". Ob er weitermacht, möglicherweise als Fraktionschef der Grünen im Bundestag? Auszuschließen ist das nicht. Für manchen in der Partei hat das indes einen zwiespältigen Reiz. sk

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