HAMAS
Neue Töne

Nach dem folgenschweren israelischen Granatangriff, bei dem in der vergangenen Woche 19 Palästinenser getötet wurden, ist die Wut der Palästinenser groß.

Sie droht in neuer Gewalt zu explodieren. Doch bei führenden Köpfen der radikal-islamischen Hamas, die seit März für das Los der Palästinenser verantwortlich zeichnet, lässt sich trotz harter Rhetorik neuerdings ein taktisches Umdenken beobachten. Die Realisten begreifen, dass sie einen Ausweg aus der internationalen Isolation finden müssen, und wollen zeigen, dass sie durchaus pragmatisch sein können. Sie verstehen, dass sie auch intern ein politisches Problem haben: Bei einem großen Teil der Bevölkerung hat die Hamas das Vertrauen verspielt.

Für die desolaten ökonomischen Bedingungen in Gaza macht heute jeder vierte Palästinenser die Hamas verantwortlich. Käme es jetzt zu Neuwahlen, würde Hamas wohl die Mehrheit verlieren. Innerhalb der Organisation findet deshalb eine hitzige Debatte über die einzuschlagende Taktik statt.

Zu den ersten Hamas-Exponenten, die den militant-radikalen Kurs kritisiert haben, gehört Ghazi Hamad, der Sprecher der palästinensischen Regierung. Mit einem Artikel in der palästinensischen Tageszeitung „Al-Ayyam“ machte er der Führung schwere Vorwürfe: Sie sei nicht klug genug gewesen, um den israelischen Rückzug als Sprungbrett für eine positive wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen. Stattdessen bescherten sie dem Gazastreifen Anarchie und Korruption, so Hamad. Die Kassam-Raketen, die vom Gazastreifen auf den Süden Israels abgefeuert werden, bezeichnet er zudem als sinnlos. Sie würden in Israel kaum Schaden anrichten, die israelische Armee aber immer wieder zu Militäraktionen provozieren, die für Gaza verheerend seien.

Einflussreiche Politiker in der Hamas wollen das Image der Organisation verbessern und suchen einen Weg aus der Krise, in die sich die Radikal-Islamisten manövriert haben. Die palästinensische Führung nehme gegenüber zentralen Fragen wie der Legitimität Israels und Verhandlungen mit Jerusalem pragmatischere Positionen ein als früher, behauptet Hamad, das Sprachrohr von Hamas-Premier Ismail Haniya.

Ähnliches schimmert auch bei Ahmed Yousef durch, dem wichtigsten Haniya-Berater. In einem Meinungsartikel für die „New York Times“ rief Yousef Anfang November zu einer zehnjährigen Hudna auf, einem längerfristigen Waffenstillstand. Israelis und Palästinenser sollten die Pause nutzen, um nach einer Lösung ihrer Probleme zu suchen. Sollte dies nicht gelingen, müsse die nächste Generation in Israel und in Palästina entscheiden, ob sie die Hudna verlängern wolle oder nicht. Die neuen Töne – vielleicht sollte man vorsichtig von effektheischenden Versuchen der Annäherung an den Westen sprechen – sind freilich auf Hamas-Kreise im Gazastreifen beschränkt. Die für politische Fragen zuständige Führung in Damaskus bewegt sich nicht. Sie hält nach wie vor am Konfrontationskurs fest, den Teheran und Damaskus finanziell fördern, aber auch imperativ fordern.

Wer im Richtungskampf zwischen der Hamas in Gaza und in Damaskus gewinnt, dürfte sich in den nächsten Wochen zeigen. Setzt sich das Politbüro in Damaskus durch, wird die palästinensische Einheitsregierung nicht zu Stande kommen. Damit wären auch die Chancen der Palästinenser gleich null, aus der gegenwärtigen Patt-Situation herauszufinden, die Dauernot und anhaltendes Elend bedeutet.

Ideologisch bleibt sich die Hamas zwar auch in Gaza treu. Sie weigert sich zum Beispiel, Israel anzuerkennen, wie soeben Außenminister Mahmoud Zahar im Gespräch mit einer arabischen Zeitung bekräftigt hat. Eine Zwei-Staaten-Lösung lehnt er strikt ab.

Trotzdem – oder gerade deswegen – sollten die etwas moderateren Töne bei Hamas-Vordenkern nicht überhört werden. Auch wenn es vorerst bloß Taktik ist, wie man vermuten muss: Sie müssen als mögliche Vorboten eines künftigen Wandels ernst genommen werden. Schließlich hat auch die einst radikale Palästinensische Befreiungsbewegung (PLO) ihren ideologischen Wandel in den siebziger Jahren erst begonnen, nachdem sie vom Westen anerkannt worden war. Und heute ist der Vorsitzende der PLO, Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas, Wunschpartner der Europäer, Amerikaner und Israelis.

Der Westen, einschließlich Israel, sollte deshalb mutig auf die moderaten Kräfte hören, sie stärken und sie auf keinen Fall allein lassen. Nur wenn sie Erfolgserlebnisse vorweisen können – und die Palästinenser dürsten danach –, wird das die Radikalen ins Abseits drängen. Die Hilfe der USA, der EU und Israels ist gefragt. Auf sich allein gestellt, können die Pragmatiker die Hamas nicht auf einen vernünftigen Kurs bringen.

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