Handelsblatt-Kommentar
Premiere: Last chance, last dance

Premiere ist vorerst gerettet. Das ist ein beachtlicher Schritt mitten der schwersten Krise der Finanzmärkte seit Jahrzehnten. Der Weg zu einer dauerhaften Sanierung ist allerdings noch steinig und mit Risiken verbunden.
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Mit 450 Mio. Euro an frischem Kapital und langfristigen Kreditlinien von 525 Mio. Euro ist das Überleben vorerst gesichert. Zwischen dem amerikanischen Medienkonzern News Corp und den Banken unter Führung von ABN Amro, einer Tochter der Royal Bank of Scotland sowie Unicredit wurde ein kompliziertes Finanzpaket einschließlich einer Kapitalerhöhung in zwei Tranchen geschnürt, das endlich genügend Eigenkapital zur Verfügung stellt, damit das Sorgenkind des deutschen Fernsehens einen Neuanfang machen kann.

Der einst vom legendären Medienunternehmer Leo Kirch gegründete Bezahlsender hat mit dem frischen Kapital und dem Vertrauen der Banken letztmals die Chance, dauerhaft schwarze Zahlen zu schreiben. Das Motto in Unterföhring heißt: Last dance, last chance.

Murdoch-Vertrauter Mark Williams muss dringend neue Abonnenten finden, um sein Versprechen erfüllen zu können, bis 2011 schwarze Zahlen zu schreiben. Nach seiner Einschätzung braucht Premiere drei bis 3,4 Millionen Abonnenten, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Nach dem Aussortieren der Karteileichen verzeichnet der Bezahlsender derzeit aber nur noch gut 2,4 Millionen direkte Kunden. Angesichts der Rezession in Deutschland wird es für Premiere doppelt schwer, den Zuschauern künftig Geld aus der Tasche zu locken. Hinzu kommt, dass ARD und ZDF mit dem Ausbau ihrer Digitalkanäle das werbefreie Fernsehangebot weiter ausbauen.

Außerdem könnte das Rettungspaket noch an der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) scheitern. Denn Murdoch hat frisches Geld nur unter der Bedingung versprochen, dass er von der Pflicht zu einem Übernahmeangebot beim Erreichen der Schwelle von 30 Prozent der Aktien befreit wird. Derzeit hält Murdoch rund 25 Prozent. Die Chancen, dass die Bafin grünes Licht für eine Befreiung von einen Übernahmeangebot gibt, stehen angesichts der Zusagen des Großaktionärs und der Banken nicht schlecht. Die wichtigsten Voraussetzungen für eine Sondergenehmigung scheinen vorzuliegen.

Das Abwenden einer Pleite von Premiere in letzter Minute ist eine gute Nachricht für die Medienbranche. Ein Scheitern des Rettungsversuchs hätte die gesamte TV-Branche schwer schwer beschädigt. 2007 war für viele Konzerne ein annus horribilis. Der Nachbar von Premiere in Unterföhring, die Sendergruppe Pro-Sieben-Sat 1, kann davon mit ihrem milliardenschweren Schuldenberg und rückläufigen Werbeeinnahmen ein Lied singen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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