Harte Einschnitte sind unvermeidlich
Analyse: Aufbruchstimmung bei VW

Peter Hartz hat keinen Ausweg mehr gesehen: Weil der Korruptionsskandal bei VW immer weitere Kreise zieht, nimmt der Personalvorstand seinen Hut. Für ihn persönlich ist das ein bitterer Schritt, niemand lässt sich gern aus seiner Position verdrängen.

Doch was sich für Hartz persönlich negativ auswirkt, wird für den Volkswagen-Konzern wahrscheinlich ganz andere Konsequenzen haben – positive nämlich. Peter Hartz steht für das „System VW“, für das enge Beziehungsgeflecht zwischen Vorstand, Betriebsräten und der IG Metall. Und dieses System hat dem größten Automobilkonzern Europas in den vergangenen Jahren massiv geschadet.

VW ist alles andere als auf Rosen gebettet. In den USA hat der Konzern im vergangenen Jahr einen Verlust von ungefähr einer Milliarde Euro hinnehmen müssen. Auch in China, dem zweiten wichtigen Auslandsmarkt der Wolfsburger, laufen die Geschäfte schon länger schlecht.

Als USA und China noch hohe Gewinne abwarfen, konnten die Schwierigkeiten auf dem deutschen und europäischen Stammmarkt problemlos kaschiert werden. Weil jetzt aber die Milliardenüberweisungen aus dem Ausland ausbleiben, treten die Defizite in der Heimat umso schärfer auf.

Denn das „System VW“ hat vor allem in den deutschen Werken dafür gesorgt, dass Volkswagen im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Weil einflussreiche Manager wie Hartz und dessen Verbündete aus dem Bereich der Gewerkschaften die schmerzliche Neuausrichtung nicht zugelassen haben, liegen die durchschnittlichen Arbeitskosten bei VW um etwa 40 Prozent höher als bei den wichtigsten Konkurrenten. Die Werke von Volkswagen sind gerade einmal zu 81 Prozent ausgelastet. Zum Vergleich: Der japanische Branchenprimus Toyota schafft es auf 95 Prozent. Deshalb überrascht es nicht, dass die Marke VW im vergangenen Jahr erstmals wieder rote Zahlen geschrieben. Nur das Premiumgeschäft der Tochter Audi hält den Konzern noch über Wasser.

Vorstandschef Bernd Pischetsrieder hat zwar schon in den vergangenen drei Jahren neue und nach vorn blickende Manager auf wichtige Positionen berufen. Doch erst mit dem Ausstieg von Hartz, dem wichtigsten Vertreter des alten Systems, besteht tatsächlich die echte Chance für einen Neuanfang. Ein Neuanfang, der dem Wolfsburger Konzern langfristig das Überleben sichern sollte.

Die Hoffnungen ruhen vor allem auf einer Person: Wolfgang Bernhard, seit dem 1. Mai verantwortlicher Konzernvorstand für die Marke VW. Bernhard hat einen exzellenten Ruf als Sanierer. Dem Automanager war es bei seinem früheren Arbeitgeber Daimler gelungen, die angeschlagene Sparte Chrysler wieder profitabel zu machen. Während General Motors und Ford in den USA mit gewaltigen Problemen zu kämpfen haben, steht Chrysler vergleichsweise gut da – der positive Einfluss von Bernhard ist noch heute zu spüren.

Gegen das alte „System VW“ wäre jedoch auch ein allseits geschätzter Sanierer wie Bernhard nicht angekommen. Zu stark waren Manager wie Hartz, die über Jahrzehnte hinweg bei VW ihre Netzwerke aufbauen konnten. Bernhard kann froh sein, dass Volkswagen mit Bernd Osterloh auch einen neuen Betriebsratschef bekommt. Ein neuer führender Kopf bei den Arbeitnehmern sollte dafür sorgen, dass auch dort mehr wirtschaftlicher Realismus einzieht.

Allerdings ist die personelle Neuordnung bei Volkswagen damit noch nicht überall gelungen, mag sie im Vorstand jetzt auch fast abgeschlossen sein. Über den Aufsichtsrat kann der frühere Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch weiterhin in das Tagesgeschehen eingreifen – nach seinem Ausscheiden aus der Konzernführung vor drei Jahren war er sogar an die Spitze des Kontrollgremiums berufen worden. Als Vorstandsvorsitzender hat er jedoch genau das zugelassen, was zur Etablierung des „Systems VW“ führte. Bei Volkswagen müssen sich die Verantwortlichen deshalb fragen, ob nicht auch eine Erneuerung im Aufsichtsrat hilfreich wäre.

Ob nun Vorstand oder Aufsichtsrat: Niemand darf sich bei Volkswagen Illusionen hingeben. Das Unternehmen steht vor einer ungewissen Zukunft, harte Einschnitte sind unvermeidlich. Auf Grund der Überkapazitäten werden Pischetsrieder und Bernhard Tausende von Arbeitsplätzen abbauen müssen. Wenn sie Glück haben, gelingt ihnen das mit Abfindungsprogrammen und mit Hilfe der natürlichen Fluktuation. Spitzt sich die Lage aber zu, könnte es bei VW erstmals betriebsbedingte Entlassungen geben.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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