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Hartz-IV-Aufstocker: Falsche Hiobsbotschaften

Die Agenda 2010 ist nicht unsozial. Im Gegenteil: Den nun wieder als Ungerechtigkeit gescholtenen 323.000 „Aufstocker-Stellen“ steht ein beinahe Hundertfaches an neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen gegenüber.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Hinrich Heilman ist Managing Direktor des Handelsblatt Research Institute und Chefökonom des Handelsblatts.

DüsseldorfIn den deutschen Medien und in der politischen Debatte hat sich eine Erzählung durchgesetzt, die wenig mit der Realität zu tun hat: Die Erzählung von den unsozialen Folgen der Agenda 2010 und der massenhaften Ausbreitung von Arbeitsstellen, von denen man nicht leben kann. Dabei wird der deutsche Erfolg, Millionen Menschen aus der Arbeitslosigkeit in Beschäftigung gebracht zu haben, umgedeutet in einen Misserfolg.

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Die Begründung dafür liefert die gewachsene Zahl an relativ gering bezahlten Stellen und Teilzeitstellen. Übersehen wird dabei, dass es bei den Reformen ja genau darum ging, Menschen, die oft lange Zeit arbeitslos waren oder sich bisher nicht am Erwerbsleben beteiligt hatten, wieder schrittweise an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Aktuellen Anlass für Aufregung gibt eine Titelgeschichte der „Süddeutschen Zeitung“ über die steigende Zahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitnehmer, die mehr als 800 Euro brutto im Monat verdienen, deren Löhne aber durch den Staat mit zusätzlichen Leistungen aufgestockt werden, weil sie Anspruch auf Fürsorgeleistungen haben. Bekannt ist dieses Modell als „Hartz-IV-Aufstocker“. Der Sinn der Zuschüsse ist, Menschen dazu zu bewegen, eine Arbeitsstelle anzunehmen, auch wenn der Lohn nicht reicht, um den Lebensunterhalt davon voll zu bestreiten.

Dem Bericht zufolge ist die Zahl der Haushalte, die diese „Aufstocker“ in Anspruch nehmen, seit 2009 um 20.000 auf 323.000 gestiegen. Sicherlich wird diese Zahl nun einen festen Platz in den Wahlkampfreden der Oppositionsführer bekommen – als Beleg dafür, wie unsozial sich die Agenda-Reformen ausgewirkt haben.

Aber vergleichen wir diese Zahl  doch einmal mit der gesamten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Von Ende 2009 bis Ende 2012 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer um 1,68 Millionen auf 29,18 Millionen gestiegen. Der Anteil der „Aufstocker“ an der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer beträgt damit aktuell 1,1 Prozent – und das ist genauso viel wie 2009.

Mit anderen Worten: Der deutsche Arbeitsmarkt hat in den vergangenen drei Jahren für jeden neuen „Aufstocker“-Job 84 Arbeitsplätze geschaffen, deren Lohn nicht aufgestockt werden muss.

Wer da noch von einer sozialen Schieflage und einen Misserfolg der Agenda-Reformen spricht, verdreht bewusst die Fakten. Im Ausland versteht sowieso niemand die innerdeutsche Negativ-Debatte über die Reformfolgen. Dort wird nach Wegen gesucht, die deutschen Erfolge zu kopieren.

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  • 09.08.2013, 07:37 UhrNachrechnen

    Ihre Aussage ist völlig unzutreffend! Es werden zwei Bewegungsmassen vergleichen - die Zahl der Jobs ist genauso wenig konstant (nämlich um 1,68 Mio., also um rund 6% seit 2009 gestiegen) wie die Zahl der Aufstocker (seit 2009 um eben die genannten 20.000 gestiegen, das entspricht ebenfalls einer Steigerung von rund 6%). Der Vergleich, dass seit 2009 20% der Jobs an neue Aufstockerstellen verloren ging, ist dann völlig falsch - von den 1,68 Mio. neu geschaffenen Stellen gingen lediglich 20.000 an neue Aufstocker, 1,66 Mio. aber nicht. Das heißt, nur gut 1% der neu geschaffenen Stellen ging an neue Aufstocker. Wollen Sie die mathematisch recht einfachen Zahlen bewusst falsch verstehen?

  • 09.08.2013, 07:31 UhrRechnen

    Diese Rechnung wimmelt ja nur so von Fehlern! Es gab 2009 schon 303.000 Aufstocker und nicht nur 20.000, wie sie unterstellen. und 1,68 - 0,303 ist natürlich auch nicht 1,58 Mio. Wenn man sich schon großspurig als Rechenkünstler ausgibt, sollte es dann wenigstens auch stimmen!
    Hier die korrekte Rechnung:

    Zahl der neuen Arbeitsplätze: 1,68 Mio.
    Steigerung der neuen Aufstocker: 323.000 - 303.000 = 20.000 = 0,02 Mio.
    Zahl der neuen Arbeitsplätze ohne Aufstocker: 1,68 - 0,02 = 1,66 Mio.
    Anzahl neuer Stellen pro neuem Aufstocker: 1,66/0,02 = 83

  • 08.08.2013, 21:14 UhrFrank3

    wir HABEN ALS DEUTSCHLAND ERST DURCH HARTZ GESETZE DIE GRIECHEN IN DIE NOTLAGE GEBRACHT und REST DER ERDE und DA IST mir NICHTS EGAL , WAS DIESE BESCH . . . , seid 1989 MACHEN und ich KENNE AUCH ZIEL UND DAGEGEN BIN VOLLKOMMEN . VERSTANDEN ZIONS ???
    UND NICHT VERGESSEN !!! ERST DURCH SCHRÖDER GESETZE KONNTE DAS GELD CHINA AUFBLASEN GEHEN und ihr KAUFKRAFT RAUBEN DAFÜR . . .

    BIST SPD ???

    und ich NICHT ZU BLÖDE ZU WISSEN WELCH SINN diese SOZIALE SICHERHEIT HAT von denen zu BEZAHLEN VON KAUFKRAFTGELD und NICHT VON GELDSELBSTZWECKGELD , also Arme sich UNTERWANDER AM NICHT VERHUNGERN HALTEN und 50 % REST (? VOLK ? NEEE ) ES GARNICHTS ANGEHT aber AUCH in DIESES NETZ FALLEN DÜRFEN OHNE JEMALS MIT KAUFKRAFTVERZICHT VORHER JEMALS AUCH FÜR GEZAHLT ZU HABEN . . .MÜSSEN JA INVESTIEREN . . . GEGEN FRESSER für MEHR GEWINN . . .


    ALLEN SOZIOLOGEN WÜRDE SOFORT TITEL UND SOZIALRECHTE FÜR DAS ZUSEHEN , DEM VERBRECHEN AN Menschen seid 1998 , ABERKENNEN .
    Psychiater HABEN JETZT JA ARBEIT OHNE ENDE aber BEKÄMPFEN AUCH NICHT URSACHE sondern bei JEDEM JA ANGEBLICH SELBSTschuldigen WIRRUNG OHNE DAS RECHT ZU HABEN GESUND ZU MACHEN sondern wieder NORMALE / UNAUFFÄLLIGE . . .


    ALLBEWUSST . . .

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