Hartz-IV-Aufstocker: Falsche Hiobsbotschaften

Hartz-IV-Aufstocker
Falsche Hiobsbotschaften

Die Agenda 2010 ist nicht unsozial. Im Gegenteil: Den nun wieder als Ungerechtigkeit gescholtenen 323.000 „Aufstocker-Stellen“ steht ein beinahe Hundertfaches an neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen gegenüber.
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DüsseldorfIn den deutschen Medien und in der politischen Debatte hat sich eine Erzählung durchgesetzt, die wenig mit der Realität zu tun hat: Die Erzählung von den unsozialen Folgen der Agenda 2010 und der massenhaften Ausbreitung von Arbeitsstellen, von denen man nicht leben kann. Dabei wird der deutsche Erfolg, Millionen Menschen aus der Arbeitslosigkeit in Beschäftigung gebracht zu haben, umgedeutet in einen Misserfolg.

Die Begründung dafür liefert die gewachsene Zahl an relativ gering bezahlten Stellen und Teilzeitstellen. Übersehen wird dabei, dass es bei den Reformen ja genau darum ging, Menschen, die oft lange Zeit arbeitslos waren oder sich bisher nicht am Erwerbsleben beteiligt hatten, wieder schrittweise an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Aktuellen Anlass für Aufregung gibt eine Titelgeschichte der „Süddeutschen Zeitung“ über die steigende Zahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitnehmer, die mehr als 800 Euro brutto im Monat verdienen, deren Löhne aber durch den Staat mit zusätzlichen Leistungen aufgestockt werden, weil sie Anspruch auf Fürsorgeleistungen haben. Bekannt ist dieses Modell als „Hartz-IV-Aufstocker“. Der Sinn der Zuschüsse ist, Menschen dazu zu bewegen, eine Arbeitsstelle anzunehmen, auch wenn der Lohn nicht reicht, um den Lebensunterhalt davon voll zu bestreiten.

Dem Bericht zufolge ist die Zahl der Haushalte, die diese „Aufstocker“ in Anspruch nehmen, seit 2009 um 20.000 auf 323.000 gestiegen. Sicherlich wird diese Zahl nun einen festen Platz in den Wahlkampfreden der Oppositionsführer bekommen – als Beleg dafür, wie unsozial sich die Agenda-Reformen ausgewirkt haben.

Aber vergleichen wir diese Zahl  doch einmal mit der gesamten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Von Ende 2009 bis Ende 2012 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer um 1,68 Millionen auf 29,18 Millionen gestiegen. Der Anteil der „Aufstocker“ an der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer beträgt damit aktuell 1,1 Prozent – und das ist genauso viel wie 2009.

Mit anderen Worten: Der deutsche Arbeitsmarkt hat in den vergangenen drei Jahren für jeden neuen „Aufstocker“-Job 84 Arbeitsplätze geschaffen, deren Lohn nicht aufgestockt werden muss.

Wer da noch von einer sozialen Schieflage und einen Misserfolg der Agenda-Reformen spricht, verdreht bewusst die Fakten. Im Ausland versteht sowieso niemand die innerdeutsche Negativ-Debatte über die Reformfolgen. Dort wird nach Wegen gesucht, die deutschen Erfolge zu kopieren.

Kommentare zu " Hartz-IV-Aufstocker: Falsche Hiobsbotschaften"

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  • Ihre Aussage ist völlig unzutreffend! Es werden zwei Bewegungsmassen vergleichen - die Zahl der Jobs ist genauso wenig konstant (nämlich um 1,68 Mio., also um rund 6% seit 2009 gestiegen) wie die Zahl der Aufstocker (seit 2009 um eben die genannten 20.000 gestiegen, das entspricht ebenfalls einer Steigerung von rund 6%). Der Vergleich, dass seit 2009 20% der Jobs an neue Aufstockerstellen verloren ging, ist dann völlig falsch - von den 1,68 Mio. neu geschaffenen Stellen gingen lediglich 20.000 an neue Aufstocker, 1,66 Mio. aber nicht. Das heißt, nur gut 1% der neu geschaffenen Stellen ging an neue Aufstocker. Wollen Sie die mathematisch recht einfachen Zahlen bewusst falsch verstehen?

  • Diese Rechnung wimmelt ja nur so von Fehlern! Es gab 2009 schon 303.000 Aufstocker und nicht nur 20.000, wie sie unterstellen. und 1,68 - 0,303 ist natürlich auch nicht 1,58 Mio. Wenn man sich schon großspurig als Rechenkünstler ausgibt, sollte es dann wenigstens auch stimmen!
    Hier die korrekte Rechnung:

    Zahl der neuen Arbeitsplätze: 1,68 Mio.
    Steigerung der neuen Aufstocker: 323.000 - 303.000 = 20.000 = 0,02 Mio.
    Zahl der neuen Arbeitsplätze ohne Aufstocker: 1,68 - 0,02 = 1,66 Mio.
    Anzahl neuer Stellen pro neuem Aufstocker: 1,66/0,02 = 83

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • @eksom
    Das Problem ist doch, dass die Arbeitgeber keine Arbeitsplätze wegen Empathie oder Mitleid mit den Arbeitslosen schaffen. Das tun sie, wenn sie Profite machen können.
    Was nun, wenn weder der Arbeitgeber noch der Staat zahlt? Streiken, fordern ja. Wenn auch das nicht hilft?

  • Die ganze Aufstockerei wäre nur sinnvoll, wenn es a) in jeder Branche Mindestlöhne gäbe und b) die Aufstockung bei Teilzeit an bestimmte Bedingungen gebunden wäre (z.B. Kindererziehung etc.). Ansonsten ist Aufstocken schlicht eine Steuersubvention der Arbeitskosten. Unsere europäischen Nachbarn merken das schon, z.B. bei Arbeitskräften in der Landwirtschaft (FRankreich) oder in der Fleischbranche (Belgien, Dänemark). Ökonomen nennen das "beggar thy neighbour". Wir betreiben also Lohndumping, um unsere Produkte besser verkaufen zu können - den Leistungsbilanzüberschuss und Target-Salden senkt das bestimmt nicht. Und da regt sich unser Finanzminister auf, dass andere EU-Länder Steuerdumping betreiben!

    Ach ja, HErr Heilmann soll bitte mal anhand der DAten der Bundesagentur für Arbeit genau darlegen, wann und in welchem Land genau die 30 Mio.zusätzlichen sozialversicherungspflichtigen Stellen entstanden sind-Deutschland kann es nicht sein!
    Und bitte auch nix vom Fachkräftemangel erzählen - das glaube ich erst, wenn die Löhne massiv über dem Arbeitsproduktivitätsfortschritt steigen.

  • @ Frank3
    Zurück nach Griechenland ... da gibts kein Hartz4. Dafür gibts 28% Arbeitslose.
    Was ist dir lieber?

  • mir WIRD SCHLECHT BEI SOLCH Tätergeschreibe !!! UND DAS BEI HB .

    wer MACHT DEN PREIS FÜR LOHN ??? der sich AM BILLIGSTEN VERKAUFT und der STEIGERT NICHT LOHN andrer SONDERN SIEHT ALLE RUNTER IM LOHN .
    NORMALE KONKURRENZVERHALTEN BEI VON VERBRECHER GEMACHTE GESETZE .

    GANZE ERDE FLIEGT NUN DIE WIRTSCHAFT UM DIE Ohren wegen DIESEM KAUFKRAFT VERNICHTEN ÜBER HARTZ GESETZE und HIER WIRD IMMER NOCH GELOBT DAS IMPLODIEREN UND HUNGER AUSWEITEN , WELTWEIT , WEIL Deutschland . . . .
    wer DA sich NICHT SCHÄMT IST . . .

  • @netzhadow, wie kann man nur so ein Schwachsinn schreiben?

  • Rechnen sollte man schon können:

    "...323.000 „Aufstocker-Stellen“ steht ein beinahe Hundertfaches an neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen gegenüber."

    Das sind dann ca. 30 Mio neue Stellen. Grandioses Ergebnis!

  • Selbstverständlich! Der Dienstleistungssektor (und darunter fallen logisch und perverser Weise alle Minijobvermittler und restliche ungelernte Schmeißfliegen, die wie Giftpilze aus dem Boden schossen, um organisierte Lohndrücker zu kaschieren) wuchs und wächst ständig um mit weit über 30% zum größten Wirtschaftssektor Deutschlands geworden zu sein. Wer jedoch unerkannt Drogen verkauft braucht auch billige Dealer auf der Strasse. Der Fisch stinkt in diesem Fall immer zuerst vom Kopf. Und der Kopf hat in der bewussten Deregulierung der (Finanz-)Märkte durch das deutsche Agenda 2010 Gesetzeswerk den erheblichen und sozial höchst gefährlichen Webfehler bzw. schon jetzt in südlichen EU-Ländern [Denn wir leben ja gerade nicht mehr allein in einer Nation, sondern gemeinsam in einer Währungs-, und Politunion !!] sichtbaren Keim der sozialen Unruhen in sich. Max Otte sah und formulierte den Bankencrash durch Verbrechen der Banker voraus. Jetzt deuten sich noch verheerendere bewusste Unterlassungen unserer eigentlich demokratisch gewählten Volksvertreter(und deren zweifelhafte Intelligenz mal vorausgesetzt)an.

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