Hedge Fonds
Das schnelle Geld

Eine Woche hat Brian Hunter gereicht, um fünf Milliarden Dollar zu verzocken. Hunter platzierte als Starhändler für den inzwischen berüchtigten Hedge-Fonds Amaranth große Wetten am Terminmarkt für Erdgas.

Die gingen am Ende nicht auf und bescherten dem ohnehin umstrittenen Hedge-Fonds ihren neuesten Skandal. Immer lauter und vielstimmiger wird der Chor der Kritiker, der nach schärferen Kontrollen für die bisher kaum regulierte Branche ruft. Doch würden Katastrophen wie Amaranth dadurch tatsächlich verhindert? Immerhin sind in den Fall einige der größten und erfahrensten Investoren der Welt verwickelt. Die Liste der Amaranth-Anleger liest sich wie ein „Who’s who“ der Finanzwelt. Auch die Deutsche Bank und die Investmentbank Goldman Sachs haben Millionen in die Energie-Wetten gesteckt und verloren. So wird sich die Finanzwelt an Überraschungen wie bei Amaranth gewöhnen müssen. Die Zahl der kleinen und großen Hedge-Fonds-Krisen wird sich häufen – dafür sorgen die Regeln, nach denen das System funktioniert.

Ironischerweise ist das größte Problem der spekulativen Fonds ihr Erfolg. Weil sich an den Aktien- und Rentenmärkten in den vergangenen Jahren oft nicht genug verdienen ließ, haben Großinvestoren enorme Summen in Hedge-Fonds gepumpt. Anfang des Jahres wurde das den Fonds anvertraute Vermögen noch auf 1,2 Billionen Dollar geschätzt, inzwischen sollen es schon 1,7 Billionen Dollar sein. Das heißt, das immer mehr Hedge-Fonds-Manager mit immer mehr Geld um eine begrenzte Zahl guter Investment-Ideen rangeln. Dadurch werden nicht nur die Renditen sinken, sondern es werden auch immer mehr Fonds auf der Strecke bleiben.

In den vergangenen zwölf Monaten wurden im Steuerparadies der Cayman-Inseln rund 1900 Hedge-Fonds neu zugelassen. Im selben Zeitraum mussten aber auch 600 Fonds aufgeben – ein neuer Rekord. Die meisten davon scheiden leise aus dem Finanzleben. Einfach weil sie keine Investoren mehr finden oder weil das Gedränge im Markt so groß ist. Neben diesem natürlichen Ausleseprozess wächst aber auch die Gefahr großer Unfälle nach dem Muster von Amaranth. Denn die zunehmende Überfüllung des Marktes zwingt die Manager, Wetten mit immer höherem Einsatz und immer längerer Laufzeit einzugehen, um die Renditeerwartungen ihrer Klientel zu erfüllen

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Aber es ist nicht nur der Druck des Marktes, der die Hedge-Fonds dazu bringt, höhere Risiken auf sich zu nehmen. Wetten mit hohem Einsatz zahlen sich für die Manager aus. Die Honorare, von denen die Fonds leben, teilen sich in zwei Kategorien. In der Regel kassieren die Manager eine Gebühr von etwa zwei Prozent des Vermögens für dessen Verwaltung. Zusätzlich kassieren sie 20 Prozent des Wertzuwachses. Im Prinzip ist diese Struktur durchaus gerecht, fordern die Investoren von den Hedge-Fonds doch überdurchschnittliche Gewinne. Aber die branchenübliche Honorarordnung trägt eben auch dazu bei, aus kühl kalkulierten Geschäften Glücksspiele zu machen.

Ende August lag Amaranth mit seinen Investments noch mit zwei Milliarden Dollar im Plus. Nimmt man die 20 Prozent als Maßstab, hätten die Fondsmanager 400 Millionen Dollar an Performance-Gebühren kassiert. Bei solchen Gewinnchancen erhöht man den Einsatz doch gern noch ein bisschen. Amaranth hat die Jagd nach Rendite jedenfalls ins riskante Geschäft mit Gas-Futures getrieben. Ein Markt , der für seine heftigen Preisschwankungen berüchtigt ist. Begonnen hatte der Fonds mit Investitionen in Wandelanleihen, ein ruhigeres, langweiligeres Geschäft.

Diese Veränderungen sind Besorgnis erregend. Auf den ersten Blick hatte das internationale Finanzsystem kaum Probleme, den Amaranth-Schock zu verdauen. Und das, obwohl die Verluste um einige Milliarden höher ausfielen als beim Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM 1998. Damals verhinderte nur ein von der US-Notenbank in aller Eile organisiertes Hilfsprogramm eine ernste Stabilitätskrise. Doch wie würde das Finanzsystem auf drei, vier oder fünf Amaranths reagieren? Wie schnell eine Krise Kreise zieht, haben die Investoren spätestens in der vergangenen Woche gelernt. Um den Zusammenbruch zu verhindern, warf Amaranth alles auf den Markt, was sich schnell zu Geld machen ließ – unter anderem ein milliardenschweres Paket europäischer Unternehmensanleihen. Darin waren auch Schuldtitel des deutschen Mobilfunkanbieters Debitel enthalten. Wie viele Finanzprofis hätten gedacht, dass der Kurs der Debitel-Anleihen eines Tages vom Preis der Terminkontrakte am nordamerikanischen Erdgasmarkt abhängen würde?

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