Hedge-Fonds
Die Katalysatoren

Es ist schon eine bodenlose Unverschämtheit: Da wagt ein hergelaufener Hedge-Fonds den Angriff auf eine nationale Institution wie die niederländische Großbank ABN Amro, ein Koloss mit einem Marktwert von immerhin 67 Milliarden Euro.

Schlimmer noch, Chris Hohn, der Kopf hinter der heimtückischen Attacke, scheint bei seinem ruchlosen Tun auch noch Erfolg zu haben. Wenige Wochen nachdem der Chef des Hedge-Fonds TCI den Verkauf oder die Aufspaltung von ABN forderte, gibt es kaum noch einen Zweifel, dass Hohn seinen Willen bekommen wird. Kein Wunder, dass die niederländische Zentralbank und das Finanzministerium dem angeschlagenen ABN-Management zu Hilfe eilen, um zumindest das Allerschlimmste, eine Zerschlagung, zu verhindern. Wohlgemerkt, die Empörung der Politiker scheint sich nicht so sehr gegen eine Übernahme von ABN durch einen ausländischen Konkurrenten zu richten. Es geht vielmehr um die aggressiven Raubfische im Ozean der Weltwirtschaft, um die Hedge-Fonds, die wie ein Schwarm Piranhas über ihre hilflosen Opfer herfallen. Für viele Politiker, vermutlich nicht nur in den Niederlanden, scheint ein Gegensatz zwischen einer „normalen“ Übernahme und einer Hedge-Fonds-Attacke zu existieren. Wo liegen die Gründe für dieses dumpfe Unbehagen?

In den letzten Jahren haben die europäischen Gesetzgeber Unternehmensübernahmen in ein strenges Regelkorsett gezwängt, um fairen Wettbewerb zu sichern. Bis ins Detail ist festgeschrieben, wer wann wie viel für wen bieten darf und welche Abwehrmaßnahmen oder Gegengebote zulässig sind. Eine Übernahmeschlacht zwischen Konzernen ähnelt heute einem japanischen Sumoringkampf: Zwei schwergewichtige Gegner versuchen, sich nach einem strikten, etwas steif wirkenden Zeremoniell aus dem Ring zu drängen. Das Metier der weitgehend unregulierten Hedge-Fonds scheint dagegen der schmutzige Straßenkampf zu sein, bei dem auch der Tritt unter die Gürtellinie erlaubt ist, wenn er Erfolg verspricht. Zur Verteidigung der Underdogs bleibt zunächst festzuhalten, dass die wenigsten Hedge-Fonds so aggressiv sind wie TCI. Lediglich rund drei Prozent des insgesamt von Hedge-Fonds verwalteten Vermögens von etwa zwei Billionen Dollar entfällt auf „aktivistische“ Fonds, die Firmen und Manager unter Druck setzen. Zwar spielen die Spekulanten tatsächlich bei immer mehr Übernahmen das Zünglein an der Waage. Aber Hedge-Fonds können nur sehr selten Entwicklungen erzwingen, die nicht ohnehin in der Luft liegen. In der Regel wirken die Spekulanten nur als Katalysator, der Umwälzungen in Gang bringt.

Hedge-Fonds suchen nach Fehlbewertungen an den Finanzmärkten. Dort setzen sie ihren Hebel an. Oft sind Krisen wie bei ABN nicht Folge der Spekulation, sondern von Managementfehlern und der Hoffnung, dass sich schmerzliche Anpassungen vermeiden lassen. ABN ist ein klassischer Fall für diese Theorie. Der Aktienkurs lahmte seit Jahren, ohne dass das Management auf die Kritik der Aktionäre an der recht wahllosen Expansion im Ausland reagiert hätte. Hedge-Fonds wirken also eher stabilisierend als destabilisierend – zumindest nach der reinen ökonomischen Lehre. Doch nicht immer liegen die Fälle so eindeutig. Die Spekulanten setzen meist auf schnelle Kursgewinne, das langfristige Wohlergehen ihrer „Opfer“ muss sie deshalb nicht unbedingt interessieren. Keine Frage, dass der unterschiedliche Zeithorizont zu schmerzlichen Konflikten mit dem Management und im Zweifel auch zu ökonomisch ineffizienten Entscheidungen führen kann.

Vor zwei Jahren verhinderte TCI mit einer Attacke ein Übernahmeangebot der Deutschen Börse für den Londoner Konkurrenten LSE, drängte Vorstandschef Werner Seifert aus dem Amt und zwang die Börse, einen Großteil des angesparten Geldes an die Aktionäre auszuschütten. Natürlich ist es immer schwierig, im „hätte“, „wäre“, „wenn“ herumzustochern. Doch aus heutiger Sicht ist klar, dass Seifert mit seiner strategischen Analyse richtig lag. Er wollte eine europäische Superbörse schaffen, um zu verhindern, dass die Amerikaner auf dem alten Kontinent Fuß fassen und sich zu einer übermächtigen Kraft entwickeln. Inzwischen hat die New Yorker Börse die Mehrländerbörse Euronext geschluckt, und die US-Technologiebörse Nasdaq scheiterte nur knapp an der Übernahme der Londoner Börse. Am Aktienkurs lässt sich das Scheitern von Seiferts LSE-Plänen bislang allerdings nicht ablesen. Der Kurs der Börse verdreifachte sich seit der TCI-Attacke in etwa, genau wie die Bewertung der Konkurrenten Euronext und LSE. Und man kann TCI-Chef Hohn auch nicht vorwerfen, dass er schnell Kasse gemacht hätte. Seine Börsen-Aktien hält er noch heute.

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