Herbstgutachten-Analyse
Neue Besen kehren gut

Auch wenn die US-Wirtschaft sich erkältet, wird Deutschland keinen Schnupfen bekommen, lautet die Prognose des Herbstgutachtens. Die Konjunkturforscher sagen für 2008 einen Anstieg des BIP um 2,2 Prozent voraus nach einem Plus von 2,6 Prozent 2007. Doch nicht nur die Zahlen sind erfreulich, sondern auch der neue Wettbewerb unter den Wirtschaftsforschungsinstituten. Eine Analyse von Donata Riedel .
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Erstmals mussten sich die Wissenschaftler im Rahmen einer Ausschreibung um den Zuschlag bemühen. Und obwohl die meisten der neuen Gutachter auch früher schon dabei gewesen waren: Die „Gemeinschaftsdiagnose“, wie das Herbstgutachten nun offiziell heißt, bietet der Bundesregierung viel mehr Stoff als die früheren Prognosen.

Sehr viel ausführlicher als einst erläutern die Ökonomen, auf welchen Annahmen ihre Erwartungen beruhen. Sie entwickeln außerdem Szenarien, wie stark etwa bei einer Zuspitzung der Immobilienkrise in den USA, bei höheren Ölpreisen und einem noch stärkeren Euro das Wachstum hierzulande in Mitleidenschaft gezogen wird: Bis zu einen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts kann dies im kommenden Jahr kosten.

Damit wird das Gutachten aber zu einer überaus erfreulichen Lektüre für die Bundesregierung. Eine Rezession ist auch dann nicht zu erwarten, wenn die US-Konjunktur heftig einbrechen sollte. Deutschlands Wachstum hängt inzwischen offensichtlich weit weniger von den USA ab als noch vor fünf Jahren. Sollten die Amerikaner niesen, bekommen zwar auch wir einen Schnupfen, aber eben keine Lungenentzündung mehr wie noch nach dem letzten Börsencrash nach der Jahrtausendwende.

Dazu beigetragen hat die stärkere internationale Verflechtung der deutschen Industrie mit Asien und Osteuropa, was die Abhängigkeit von der US-Wirtschaft relativiert. Außerdem soll nun ab 2008 endlich die Binnenkonjunktur den Aufschwung stützen, weil die Löhne wieder steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt und sogar die Rentner wieder mehr Geld in der Tasche haben werden.

Ein Fortschritt im neuen Gutachten ist auch die klare Trennung zwischen Prognose und Bewertung der Wirtschafts- und Finanzpolitik der Bundesregierung. In die Daten für die Prognose fließt dabei die Politik der Vergangenheit ein, ihre Wirkung wird nachvollziehbar: Die SPD kann daraus ablesen, welche Weichenstellungen der alten Regierung das Trendwachstum gestärkt haben: Vor allem die ungeliebten Arbeitsmarktreformen erhalten von den Ökonomen gute Noten.

Die Ausweitung der Zeitarbeit und die Minijobs werden nachvollziehbar als Ursache dafür beschrieben, dass der Aufschwung jetzt erheblich mehr Arbeitsplätze geschaffen hat, als dies in den Boomphasen der 90er-Jahre der Fall war. Auch die kürzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I war demnach richtig. Vor allem bei den älteren Arbeitslosen sehen die Wissenschaftler ausschließlich positive Wirkungen: Überdurchschnittlich viele Menschen über 55 Jahre fanden seit 2006 wieder einen Job.

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