Herbstgutachten
Analyse: Zwang zum Konsens

Stellen Sie sich vor, Sie lesen ein „Pro und Contra“, und am Ende gipfelt es in einer einzigen Schlussfolgerung. Das nennt sich dann Kompromisslösung – oder eben auch Herbstgutachten. Verfasst haben es die sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute.

Heute legen sie es der Bundesregierung vor. Diese Sowohl-als-auch-Lösung ist aber weniger den Autoren als vielmehr dem Auftraggeber anzulasten. Die Bundesregierung drängt auf eine gemeinsame Quintessenz. Und diese vertritt „freiwillig“ nur eines der Institute, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Es schätzte zuletzt, dass die deutsche Wirtschaft 2007 um 1,4 Prozent wachsen wird. Die Konjunktur wird also nicht einbrechen, sich aber auch nicht sehr robust zeigen. Die anderen, entschiedeneren Szenarien lauten: Die einen Institute erwarten, dass die Konjunktur im kommenden Jahr deutlich langsamer wachsen wird als in diesem Jahr. Ihr Argument: Das niedrigere Wachstum kann vor allem nicht die Folgen der Mehrwertsteuererhöhung und eine Schwächephase der Weltwirtschaft kompensieren. Dies meinen das Kieler Institut für Weltwirtschaft, das Hamburgische Weltwirtschafts-Archiv (HWWA) und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Die anderen Institute halten die deutsche Wirtschaft dagegen für so stark, dass sie 2007 zwar etwas langsamer als in diesem Jahr wachsen wird, aber durchaus noch kräftig. Dazu zählen das Münchener Ifo-Institut, das Rheinisch-Westfälische-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen und, wenn man so will, eben auch das DIW.

Wie grundverschieden die Positionen der Gutachter in diesem Herbst sein würden, zeigte sich bereits im September. Erst lagen die Hallenser mit 0,8 Prozent am unteren Rand des Prognosespektrums. Eine Woche später folgte das RWI mit 1,7 Prozent. Damit lag es wie auch das Ifo-Institut am oberen Rand der Schätzungen. Die Münchener hatten bereits beim Frühjahrsgutachten ein Minderheitenvotum mit diesem Wert abgegeben – und fühlten sich bestätigt. Schließlich hatte beim diesjährigen Herbstgutachten die Gruppe der Optimisten zwar etwas stärkere Argumente als die Pessimisten, obwohl die Finanzpolitik der Bundesregierung die Wirtschaft klar belastet, weil sie den Verbrauchern Kaufkraft entzieht. Rechnet man nach, dann stellt man fest: 1,26 Prozentpunkte Wachstum ist der Durchschnittswert der einzelnen Prognosen, 1,4 Prozentpunkte ihr Kompromiss. Dabei werden die Unternehmen im kommenden Jahr weiter kräftig investieren. Diesen Trend werden auch die verbesserten Abschreibungsbedingungen stützen, die erst Ende 2007 auslaufen. Und trotz sich verschlechternder Finanzierungskonditionen als Folge absehbarer Zinssteigerungen dürfte die Investitionsbereitschaft zunächst wohl noch steigen. Dies nach dem Motto: Bevor die Konditionen noch schlechter werden, investieren wir lieber jetzt. Zu Hilfe dürften den Optimisten im Ringen um die Kompromisslösung die erst kürzlich veröffentlichten Daten gekommen sein, die zuversichtlich stimmen: Die Auftragseingänge des verarbeitenden Gewerbes sind zum wiederholten Mal unerwartet stark gestiegen.

Den Wirtschaftsforschungsinstituten kann man schwerlich vorwerfen, dass sie unterschiedliche Philosophien verfolgen. Der Dissens der Ökonomen unterstreicht vielmehr, wie schwer die aktuelle Konjunktursituation zu bewerten ist. Man mag das eine Szenario für wahrscheinlicher halten als das andere. Beide Sichtweisen, die optimistischere Variante, aber auch die pessimistischere, sind denkbar. Die Wirtschaftsforscher haben den Versuch unternommen, eine salomonische Lösung zu finden, mit der alle Beteiligten einverstanden sind: die Auftraggeber des Gutachtens sowie die Wissenschaftler selbst. Auch wenn die Ökonomen selbst betonen, dass sie mit dieser Kompromisslösung leben können, fehlt dem Gutachten eine sinnvolle Funktion. Die Gemeinschaftsdiagnose ist ein Relikt aus den 50er-Jahren. Damals waren verlässliche Daten über den Konjunkturzyklus Mangelware, die Gutachter lieferten sie. Dieses Alleinstellungsmerkmal haben die Institute allerdings längst verloren. Die Erstellung der Frühjahrs- und Herbstgutachten ist daher ebenso reformbedürftig wie die Wirtschaftspolitik der Republik.

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