Hillary Clinton
Kommentar: Gescheitert

Nach fünf Monaten Wahlkampf in 50 Bundesstaaten muss sie eingestehen: Es hat nicht gereicht.
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Über Wochen und Monate hatte sich Hillary Clinton in einen Kampfmodus versetzt. In jenen Zustand, der einen Tunnelblick produziert, der nur noch von Tag zu Tag denken lässt und alles Gerede um einen herum ausblendet. Nur so war zu leisten, was die 60-jährige Senatorin bis gestern geschafft hatte: weitermachen, unbeirrt am Ziel festhalten, auch wenn die Aussichten noch so düster sein mögen. Als sei sie es sich selbst schuldig: Ein(e) Clinton gibt niemals auf.

Doch nach fünf Monaten Wahlkampf in 50 Bundesstaaten musste sie eingestehen: Es hat nicht gereicht. Zu spät setzte die Aufholjagd ein, viel zu spät fand sie "ihre Stimme", die sie eigentlich bereits Anfang Januar in New Hampshire entdeckt zu haben glaubte. Tatsächlich mäanderte sie auch nach dem Comeback von New Hampshire mit ihren Botschaften weiter hin und her, übernahm zeitweise sogar Barack Obamas Wahlkampfschlager von "change", von Wandel und Wechsel. Bis sie irgendwann merkte, wer sie wirklich war: eine harte Arbeiterin, die das Leben kennt, die die Fakten parat hat und die Nöte der Menschen versteht. Damit gewann sie Ohio, Pennsylvania, New Jersey, Kentucky, West Virginia. Doch da war es bereits zu spät. Obamas Hoffnungs-Express hatte schon zu viel Fahrt aufgenommen. Hillary konnte ihm zwar noch einiges an Schwung rauben, ihn aber nicht mehr stoppen.

Ist ihre Niederlage gegen den jugendlichen Obama deshalb ungerecht, gar unfair? Ist Hillary etwa daran gescheitert, dass sie eine Frau ist? Die Antwort ist Nein.

Nein, weil sich Hillary Clinton und ihr Wahlkampfteam mit gravierenden Fehlern selbst ausgekontert haben. Nein, weil der Wahlkampf zwischen den beiden bei weitem nicht so schmutzig war, wie manche glauben machen - tatsächlich waren die meisten Scharmützel eher harmloser Natur. Und nein, weil Hillary nicht gegen einen männlichen, etablierten Platzhirsch verloren hat, sondern gegen einen afro-amerikanischen Aufsteiger, dessen Nominierung vor einem Jahr noch viel unwahrscheinlicher war als die einer Frau. Hillary wurde weder Opfer eines Anti-Feminismus noch einer Schlammschlacht - noch, weil sie keine gute Kandidatin gewesen wäre. Sie verlor, weil es einen Besseren gab.

Doch dessen Qualitäten hatte sie lange Zeit unterschätzt. Selbstsicher, ja überheblich plante sie einen Wahlkampf, der nach fünf Wochen am Super-Tuesday Anfang Februar bereits vorbei sein sollte. Ungenügend hatten sie und ihre Helfer sich auf die Regeln der Vorwahlen eingestellt - und dabei übersehen, dass die proportionale Stimmvergabe einem starken und ausdauernden Gegner enorme Chancen verschafft. Schlecht präpariert ging sie zudem in solche Vorwahlen wie in Iowa, die nicht per Stimmzettel, sondern durch Handzeichen in Turnhallen entschieden wurden (als "Caucus"). Obamas Helfer - engagiert, optimistisch und überzeugend - zogen dabei massenhaft Wähler auf dessen Seite. Hillarys Unterstützer dagegen waren zumeist schon recht betagt und sprachen zuweilen mehr von Bill als von Hillary.

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