Hochschulen und Wirtschaft
Gute Gaben

Jahrzehnte galten sie als inkompatibel. Nicht einmal der Spruch von den Gegensätzen, die sich angeblich anziehen, zog: Deutschlands Universitäten und Unternehmen waren getrennte Welten, mitunter Lichtjahre voneinander entfernt.
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Wagte mal einer den Grenzübertritt, galt er – Ingenieure und Betriebswirte ausgenommen – in den Hörsälen schnell als Verräter, der sich ans Kapital verkauft. Die Zeiten sind vorbei. Die Annäherung verlief zunächst fast unmerklich. Doch derzeit könnte man meinen, die ungleichen Partner hätten kaum Besseres zu tun, als sich in der Armen zu liegen. Hochschulrektoren widmen eine ganze Jahrestagung der Beziehungsarbeit zur Wirtschaft, der Stifterverband legt die größte Studie aller Zeiten zum ungleichen Paar vor. In Kürze nimmt sogar der Wissenschaftsrat, das höchste Beratergremium von Bund und Ländern, ausführlich Stellung zum Thema.

Was ist passiert? Zunächst einmal wurden die ideologischen Gräben zwischen Markt und Spätmarxisten wie Marcuse, zwischen Mammon und Wissen, die die Bundesrepublik seit den 60ern durchzogen, sukzessive zugeschüttet. Das erlaubt den ungleichen Partner nun den Versuch einer Interessengemeinschaft. „Gemeinsam sind wir stärker“ lautet die Hoffnung der vom Staat vernachlässigten Hochschulen und der um den Nachwuchs bangenden Unternehmen. Hilfreiche Mittler sind die Technischen Hochschulen, die auch zur Eiszeit per definitionem den Kontakt gar nicht abreißen lassen konnten. Doch auch in praxisferneren Unis wirken nun Manager in den neuen Hochschulräten mit, Alumni-Pflege ist nicht länger ein Fremdwort, die Zahl der Stiftungslehrstühle wächst, Unis lernen überrascht benachbarte Unternehmer kennen – und umgekehrt. Sanften Druck macht die Exzellenzinitiative, die zwar nur am Rande, aber eben auch Kooperation mit Unternehmen belohnt.

Noch fremdeln die Partner heftig, doch echte Zugewinngemeinschaften scheinen machbar. Und das eben nicht nur für Ausnahmeerscheinungen wie die TU München, deren enge Unternehmenskontakte ihr neuerdings richtig Geld bringen.

Vor allem die Hochschulen können auf dem Weg zu größerer Autonomie von der Wirtschaft lernen: von der effektiven Organisation über die Ausschöpfung der Ressourcen bis zum Marketing, ohne das sie künftig nicht mehr auskommen werden. Viele Rektoren sind sich dessen schon bewusst. Für das Gros der Professoren gilt das nicht unbedingt.

Dass der Weg weit ist, zeigt sich im Detail. So weiß mancher Uni-Präsident nicht mal, wie viele Stiftungslehrstühle er hat. Manager schäumen, weil der Lehrstuhl lange nach der Stiftung noch immer nicht besetzt ist. Rektoren klagen, die Wirtschaft sei sich ja gar nicht einig, was sie von der Alma Mater will. Der Glaube an den Nutzen, den die neue Freundschaft bringen kann, ist auf beiden Seiten noch wenig gefestigt.

Doch jetzt, da das Eis gebrochen ist, bietet sich Hochschulen und Managern die Chance, gemeinsam zu überlegen, welches Wissen Bachelor- und Master-Absolventen wirklich brauchen, und zugleich die Forschungskooperationen massiv voranzutreiben.

Bleibt der Mammon. In der Hochschulszene ist das kryptische Versprechen des BDI-Präsidenten Jürgen Thumann, bedürftige Studenten zu unterstützen, unvergessen. Längst ist klar, dass das nicht so sehr ernst gemeint war. Einzelbeispiele – von der Jacobs-Spende für die private University of Bremen über die Vodafone-Ausrüstung für Elite-Unis bis zum Engagement von Thyssen – zeigen dennoch, dass es geht. Auch wenn es sich betriebswirtschaftlich sicher nicht in jedem Fall und – schon gar nicht kurzfristig – lohnt, haben manche Konzerne die Zeichen der Zeit erkannt.

Die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit jedoch ruft zwar laut nach besseren Hochschulen und mehr Absolventen, hält sich mit guten Gaben aber vornehm zurück. Auf die Frage nach Stipendien heißt es lediglich, „es blüht viel im Verborgenen“. Peinlich, dass selbst das Begabtenförderwerk der Wirtschaft Stipendien ausschließlich mit dem Geld der Bundesregierung finanziert. Noch immer argumentieren zu viele Wirtschaftsvertreter, solange die Steuern so hoch seien, wie sie sind, müsse der Staat selbst sehen, wo die Unis blieben. Oder sie fordern erst einmal ein großzügigeres Stiftungsrecht. Doch Mentalitäten ändern sich nur, wenn viele in eine neue Richtung denken.

b.gillmann@handelsblatt.com

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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