HOCHSCHULPOLITIK
Systemfehler bei den Universitäten

Die Wirtschaft ist unser Schicksal“ – diese Erkenntnis ist acht Jahrzehnte alt und stammt von Walter Rathenau. Allerdings muss man sie heute wohl um einen Nachsatz ergänzen: „Und die Wirtschaftsforschung ist unser Problem.“

Erstklassige wirtschaftswissenschaftliche Forschung ist Voraussetzung für eine vernünftige und wirksame Wirtschaftspolitik. Der Großteil der hiesigen Fakultäten für Volkswirtschaftslehre (VWL) aber befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. Nur eine kleine Spitzengruppe deutscher Wirtschaftsforscher wird international wahrgenommen. Der große Rest betreibt, wenn überhaupt, Forschung auf dritt- bis viertklassigem Niveau.

Allerdings: Diese Misere ist nur zu geringem Teil den Wirtschaftsforschern selbst anzulasten. Sie ist die Folge eines Hochschulsystems, das Mittelmäßigkeit fördert, Leistung nicht belohnt und Faulheit toleriert. Systemfehler Nummer eins ist die akademische Selbstverwaltung, gepaart mit dem deutschen Lehrstuhlprinzip. Ordinarien können als Könige ihres Lehrstuhls ihren Dünkel befriedigen. Junge, forschungsstarke Professoren stöhnen über die Bürokratie, die die Verwaltung ihres Lehrstuhls mit sich bringt. Die Selbstverwaltungsgremien schmälern noch zusätzlich die kostbarste Ressource eines Wissenschaftlers: seine Zeit.

Schlimmer noch: Die Fachbereichsrate, Dekanate, Rektorate, Senate und Konvente der deutschen Universitäten sind mitverantwortlich dafür, dass eine konsequente Eliteförderung an den Hochschulen die Ausnahme bleibt. Denn das Mittelmaß hat in all diesen Selbstverwaltungsgremien oft die Oberhand. Mehrheiten dafür, die klügsten Köpfe der Uni durch leistungsabhängige Bezahlung, Erleichterungen bei Lehrdeputaten oder Entlastung von Verwaltungsaufgaben noch besser werden zu lassen, sind schwer zu organisieren. Eine Professionalisierung der Universitätsverwaltung nach angelsächsischem Vorbild mit Verwaltungseinheiten, die mehrere Lehrstühle zu einer Abteilung zusammenfassen, ist überfällig.

Systemfehler Nummer zwei ist die Kleinstaaterei im deutschen Hochschulwesen, höflich als Föderalismus tituliert. Sie verhindert einen funktionierenden Qualitätswettbewerb zwischen den Unis. Eine sinnvolle Konzentration der knappen Hochschulmittel auf die besten Universitäten scheitert ebenso wie die Schließung der schlechtesten an der Kirchturmspolitik der Bundesländer und Universitäten. Sie verhindert auch eine sinnvolle Besoldungspolitik. Nötig wäre eine leistungsbezogene Besoldung über Universitäts- und Ländergrenzen hinweg. Solange das nicht möglich ist, helfen die neuen Spielräume für leistungsgerechtere Besoldung kaum.

Systemfehler Nummer drei ist das Fehlen einer harten, regelmäßigen und mit Sanktionen verbundenen Evaluierung der Arbeit der einzelnen Hochschulen. In Großbritannien kommen die Unis seit 2001 im so genannten „Research Assessment Exercise“ regelmäßig auf den Prüfstand. Die Ergebnisse sind öffentlich, ein Teil des Hochschulbudgets hängt von ihnen ab. In Deutschland findet etwas Vergleichbares nur bei den Instituten der Leibniz-Gesellschaft statt. So wurde das Wirtschaftsforschungsinstitut HWWA wegen mangelhafter Leistungen erst von einer Forschungs- zu einer Serviceeinrichtung degradiert und ihm danach ganz das Geld gestrichen.

Gleiches sollte auch Fachbereichen oder ganzen Universitäten drohen. Die Fakultäten, die ihrem Forschungsauftrag nicht ernsthaft nachkommen wollen oder können, könnten zu Lehreinrichtungen zurückgestuft werden mit Lehrverpflichtungen wie für Fachhochschul-Professoren. An den Spitzenfakultäten sollten dagegen die besten Forscher im Gegenzug von Lehr- und Verwaltungsaufgaben entlastet werden, wie es im Ausland längst üblich ist.

Systemfehler Nummer vier sind der mangelnde Mut und die mangelnde Konsequenz der Hochschulpolitik. Das Festhalten am Status quo in den Universitäten verhindert, dass wenigstens innerhalb der Bundesländer eine vernünftige Schwerpunktbildung stattfindet. Schließlich macht es keinen Sinn, wenn sich viele Bundesländer gleich mehrere drittklassige Fakultäten leisten. Stattdessen sollten die verfügbaren Mittel so auf die besten konzentriert werden, dass diese die kritische Masse an wissenschaftlichem Know-how erreichen, die für vernünftige Lehre und für ernsthafte Forschung nötig ist.

Die Exzellenzinitiative der Bundesregierung, die das Ziel hat, die besten Universitäten des Landes mit zusätzlichem Geld zu versorgen, geht zwar in die richtige Richtung. Allerdings gleichen die Summen, die eine gute Uni aus dem mit 300 Mill. Euro dotierten Topf erhalten soll, oft nicht einmal die Mittelkürzungen der vergangenen Jahre aus.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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