Hollywood
Ohne Träume

In Hollywood sind die Boulevards bereits mit den haushohen Werbeflächen für den dritten Teil von „Shrek“ gepflastert. Schließlich soll der Animationsfilm in der Traumfabrik die Nummer eins werden.
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Im Film ist bereits alles klar: Die liebevolle Trickfilmfigur übernimmt mit Hilfe seiner Freunde, des treuen Esels und des listigen Katers, die Führung im Märchenland, nachdem der schwer erkrankte König Harold seinen Vasallen Shrek zu seinem Nachfolger erkoren hat.

Nicht nur für König Harold soll der weltweit populäre Shrek auf der Leinwand die Kastanien aus dem Feuer holen, sondern auch für den Medienkonzern Viacom, der Dreamworks für eine Milliardensumme gekauft hatte. Am vergangenen Wochenende lief der Zeichentrickfilm aus dem Dreamworks-Studio mit großem Erfolg in den amerikanischen Kinos an. Die Konzernzentrale kann aufatmen. Auch der dritte Teil mit dem grünen Männchen findet sein Publikum. Das lange Wochenende mit dem Memorial Day wird dazu beitragen, dass Dreamworks in den amerikanischen Kinos richtig Kasse machen kann.

Mit seiner Strategie, auf Bewährtes zu setzen, steht der Medienkonzern Viacom des listigen Filmmoguls Sumner Redstone nicht allein da. Auch andere Studios setzen auf ihre merkantilen Altstars. So legte Sony mit dem dritten Teil des Spinnenmannes „Spider-Man“ erst vor wenigen Wochen den besten Kinostart aller Zeiten hin. 382 Millionen Euro spielte die Comic-Verfilmung weltweit an nur einem Wochenende ein. Und Disney? Der Mickymaus-Konzern schickt seinen konzerneigenen Kapitän Johnny Depp zum dritten Mal in den „Fluch der Karibik“. Schließlich steht bereits der zweite Teil der Piratenabenteuer auf dem Siegerpodest des meistgesehenen Films der vergangenen 52 Wochen in Deutschland.

Selbst wenn Hollywood mit den Endlosfortsetzungen seiner Kassenschlager derzeit noch viel, sehr viel Geld verdient, die Zukunft ist damit auf Dauer nicht zu gewinnen. Denn irgendwann haben sich Helden namens Shrek oder Spider-Man abgenutzt. Die Studios stoßen mit ihrer Strategie jetzt schon an ihre Grenzen. Die publikumswirksamen Figuren neigen sich allmählich dem Ende. Hollywood ist heute eine Fabrik ohne Träume. Alle Filmstudios sind entweder börsennotiert oder gehören zu mächtigen Aktiengesellschaften, deren Quartalsergebnisse oftmals über das Schicksal von Filmprojekten entscheiden. Zudem sind die Gesellschafter, aber auch die Filmbranche selbst, über die weitere Zukunft zutiefst verunsichert. Ist Inhalt wirklich auch im digitalen Zeitalter König? Oder haben die Sender und Internetkonzerne als Vertriebsplattformen die Nase künftig vorn? Die Unsicherheit, ob die Inhaltelieferanten wirklich noch die Könige des Mediengeschäfts sind, hat Folgen: Die Studios gehen immer weniger Risiken ein, obwohl es ihnen wirtschaftlich so gut geht wie seit vielen Jahren nicht mehr. Heute gibt es kaum einen US-Konzern, der sich gerne auf kontroverse, innovative Projekte einlässt.

Unterdessen wachsen noch immer die Kosten in den Himmel. Filmstreifen mit einem Budget von 100 Millionen Dollar gelten in Hollywood als durchschnittlich. Disney, das unter seinem Chef Robert Iger gerade einen harten Stellenabbau durchgeführt hat, exerziert das neue Sparen à la Hollywood vor. Um die Kosten für den Teil zwei und drei des Blockbusters „Der Fluch der Karibik“ zu reduzieren, wurden die Spielfilme gleich hintereinander gedreht. Ein Novum. Das Finanzvolumen belief sich trotzdem auf stolze 220 Millionen Dollar. Dennoch ist das ein Schnäppchen aus der Sicht der Konzernlenker. Denn zuletzt spielte die zweite Abenteuerfahrt von Johnny Depp als Captain Jack Sparrow durch die Weltmeere mehr als eine Milliarde Euro ein.

Auch wenn die Studios noch verschämt auf die Frage reagieren, ob es auch den Teil vier oder fünf von „Fluch der Karibik“, „Shrek“ oder „Spider-Man“ geben wird, angesichts der noch boomenden Erlöse werden sie weitermachen. Dabei ist das Problem längst klar: Gute Geschichten werden zunehmend von opulenter Technik ersetzt. Immer neue technische Spielereien und sündhaft teure Animation substituieren oft die dünne Story. Doch darüber wird in der Branche nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert. Kein Studio will den ersten Stein werfen.

Die Einfallslosigkeit Hollywoods eröffnet europäischen Produzenten, die sich an große, spannende Themen heranwagen, die sich international vermarkten lassen, eine Lücke. Der deutsche Filmproduzent Constantin überrundete in Deutschland beispielsweise mit der Literaturverfilmung „Das Parfüm“ zuletzt sogar den legendären „James Bond“ des Hollywood-Studios MGM. Vielleicht wollen die Kinobesucher wieder mehr gute Geschichten als nur aufwendige Action? Hollywood hätte dann leicht das Nachsehen.

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