Iberdrola
Endesa II

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Wenige Fakten, ein paar Dementis, viele Gerüchte: So lässt sich zusammenfassen, was Beobachter in Spanien und im restlichen Europa als Auftakt zu einer erneuten Übernahmeschlacht, einer Art „Endesa II“, interpretieren. Statt Endesa, die nach zweijährigem Hickhack im letzten Jahr von der italienischen Enel und dem spanischen Mischkonzern Acciona geschluckt wurde, steht nun die neue Nummer eins der iberischen Energiebranche im Mittelpunkt: Iberdrola.

Dass der spanische Energiesektor der weiteren Konsolidierung bedarf und konkret in Bezug auf eine Neuordnung der Beteiligungen an Iberdrola etwas in Bewegung ist, bestreitet mittlerweile keiner mehr. Zwar ist allen Beteiligten klar, dass es vor den spanischen Parlamentswahlen Anfang März keine konkreten Schritte geben wird. Doch die potenziellen in- und ausländischen Spieler stehen schon fest und haben den Vorteil, dass sie wichtige Lehren aus der „Akte Endesa“ ziehen können.

Die Parallelen sind frappierend. Die Rolle, die im vergangenen Jahr Acciona als spanischer Akteur gespielt hat, will diesmal – so viel steht fest – der spanische Mischkonzern ACS übernehmen. Ebenso wie Acciona hat sich ACS über die letzten Jahre von einem reinen Bauunternehmen zu einem diversifizierten Konzern mit einem wichtigen Schwerpunkt im Energiesektor gemausert. ACS ist bereits mit knapp 13 Prozent an Iberdrola beteiligt, kontrolliert außerdem den Stromkonzern Union Fenosa und will erklärtermaßen beide Unternehmen künftig zusammenbringen. Ebenso wie der Endesa-Chef José Manuel Entrecanales ist auch ACS-Präsident und CEO Florentino Pérez ein Vollblutmanager mit besten Kontakten in der spanischen Politik-, Finanz- und Unternehmerszene.

Klar ist auch, dass ACS ein paar Nummern zu klein ist, um Iberdrola allein zu schlucken. So ist die große Frage, wer diesmal die Rolle übernehmen wird, die im Fall Endesa der staatlich kontrollierte italienische Energiekonzern Enel übernehmen wird: Der hatte mit wohlwollender Unterstützung der Madrider Regierung im Kampf um Endesa die deutsche Eon aus dem Rennen geworfen und konnte dank seines politischen Fingerspitzengefühls zusammen mit Acciona ins Ziel rauschen.

ACS-Großaktionär Carlos March hat bereits zugegeben, Gespräche über Iberdrola mit dem französischen Giganten EDF, mit den deutschen Versorgern Eon und RWE sowie mit den spanischen Energieunternehmen Repsol YPF und Gas Natural geführt zu haben. EDF hat bisher als einziger unter den potenziellen Anwärtern solche Vorverhandlungen sowie ein großes generelles Interesse bestätigt.

Aus diesem Panorama, in dem alle mit allen sprechen und zugleich die politischen Spielräume abtasten, lassen sich zwei mögliche Grundszenarien für eine Übernahme von Iberdrola herauslesen: eine spanisch-europäische Option mit EDF, Eon oder RWE als Partner von ACS oder eine rein spanische Lösung, an der sich die katalanische Gas Natural oder der Öl- und Gaskonzern Repsol beteiligen würde. Gas Natural hatte sich bereits um Endesa bemüht. Damals waren die Katalanen allerdings nicht bereit oder imstande, ihr Übernahmeangebot nach dem Eintritt von Eon und Enel in die Bieterschlacht zu verbessern. Repsol hat jegliche Verhandlungen mit ACS bisher dementiert, doch Experten gehen davon aus, dass sich der Konzern einer politisch gewünschten spanischen Lösung kaum widersetzen würde.

Eine entscheidende Rolle wird schließlich Iberdrola selbst spielen. Ebenso wie der damalige Endesa-Präsident Manuel Pizarro die deutsche Eon als Alternative zu Gas Natural ins Boot holte, dürfte jetzt auch Iberdrola-Chef Ignacio Sanchez Galán bereits ihm genehme Investoren ausloten. Das neuste, von Iberdrola allerdings dementierte Gerücht in Madrid besagt, dass Galán einen Zusammenschluss mit Gas Natural erwägt.

Die wichtigste Lehre aus dem Fall Endesa ist, dass jegliche Operation auf dem spanischen Energiemarkt das Plazet der dortigen Regierung braucht. Zugleich haben Regierungen verschiedener Couleur in der Vergangenheit gezeigt, dass sie weder einen spanischen Monopolisten im heimischen Stromgeschäft noch einen zu stark ausländisch dominierten Markt wünschen. Somit erscheint eine Lösung am wahrscheinlichsten, bei der ein europäischer Konzern sich beteiligt, die spanischen Aktiva der international gut dastehenden Iberdrola aber größtenteils in nationaler Hand bleiben. Ob Eon, RWE oder EDF diesmal zum Zuge kommen, hängt demnach davon ab, wie gut sie die künftige Regierung in Madrid von sich überzeugen können.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin

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