IG Metall
Analyse: Im Tandem entzweit

Dario Fo, der Meister des absurden Theaters, hätte vor dieser Aufführung ehrfurchtsvoll seinen Hut gezogen: Nachdem die IG Metall ihre designierten Führungsleute Jürgen Peters und Berthold Huber wochenlang öffentlich demontiert hat, erklärt sie nun das begossene Duo zur einzig möglichen Lösung ihrer Krise. Ein „Tandem“ sollen Peters und Huber bilden. Treffender und zugleich zynischer kann man die künftige Arbeitsteilung der beiden nicht beschreiben. Vorne gibt der Klassenkämpfer Peters die Richtung vor, während sich hinten der Reformer Huber abstrampeln darf, damit der Karren nicht gänzlich im Dreck versinkt.

Mögen die Peters-Getreuen mit diesem Sieg auch noch so zufrieden sein. Für die IG Metall ist er die größtmögliche Niederlage. Dieser nach außen so kraftmeiernd auftretenden Gewerkschaft fehlt in eigener Sache jeglicher Mut. Statt die Mitglieder auf einem Gewerkschaftstag über die politische Richtung und ihre Protagonisten abstimmen zu lassen, flüchten sich die Funktionärskader in einen faulen Kompromiss. Keiner der vielen Peters-Kritiker hatte den Schneid zu einer Kampfkandidatur. Als es ernst wurde, zogen sie sich zurück in ihr Schneckenhaus

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Damit tragen auch diejenigen, die nach der Streikniederlage in Ostdeutschland lautstark einen Neuanfang forderten, zur Selbstblockade der IG Metall bei. Der zurückgetretene IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hat Recht, wenn er den Rückgriff auf das Tandem Peters-Huber einen „Salto mortale“ nennt. Mit welchem Recht will eine Gewerkschaft tarif- und gesellschaftspolitische Gestaltungskompetenz beanspruchen, die ihre eigene inhaltliche Debatte aus Angst vor den Folgen nicht konsequent zu Ende führt?

Für den Niedergang der einst so stolzen IG Metall ist freilich auch Zwickel verantwortlich. Zu spät hat er versucht, die Weichen zu Gunsten einer programmatischen Erneuerung der Gewerkschaft zu stellen. Noch dazu hat er dabei oft ungeschickt agiert. Seine intern unabgestimmten öffentlichen Reformvorstöße haben der Sache mehr geschadet als genützt. Denn die IG Metall leidet unter dem Pawlowschen Reflex, jede denkbare Neuerung zunächst mit dem krampfhaften Festhalten an alten Zöpfen abzuwehren. Zwickel hat sich diesem Reflex letztlich immer gebeugt, was ihn in der Öffentlichkeit oft fälschlicherweise als Hardliner dastehen ließ. Aber wichtiger noch als eine Reform der Programmatik war ihm die Einheit der IG Metall. Sie durfte unter keinen Umständen in Frage gestellt werden, aus Furcht, dies könnte die Kampfkraft der Gewerkschaft schwächen.

Doch angesichts der veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität musste dieser Damm irgendwann brechen. Mit der Streikniederlage in Ostdeutschland war es so weit. Dass ausgerechnet Peters als verantwortlicher Tarifpolitiker die darauf folgende Schlammlawine unbeschadet zu überstehen scheint, ist für Zwickel die bitterste seiner vielen Niederlagen. Mit allen Mitteln hatte er in den vergangenen Jahren versucht, den Aufstieg seines Intimfeinds Peters an die Spitze der IG Metall zu verhindern. Doch weil Zwickel die Ränkespiele der Machtpolitik nicht beherrscht, zog er gegen den gewieften Vize stets den Kürzeren.

Die tragischste Figur dieses Machtkampfs ist freilich Berthold Huber. Er soll nun als Peters’ Stellvertreter die Hoffnung wahr machen, dass die IG Metall nach der Katharsis der vergangenen Wochen endlich in der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ankommt. Angesichts dieser gewaltigen Erwartung kann Huber eigentlich nur scheitern. Denn in der Doppelspitze der IG Metall ist er eben nur der zweite Mann. Und sein Verhältnis zu Peters ist kaum weniger zerrüttet, als es das Verhältnis des scheidenden Zwickel zu Peters war, selbst wenn sich Peters und Huber jetzt um einen Schlussstrich bemühen sollten. Hinter ihnen stehen zwei verfeindete Lager, die nach den Ereignissen der vergangenen Wochen kaum Frieden miteinander schließen werden.

Der interne Konflikt der IG Metall wird also weitergehen. Für die Arbeitgeber und die Politik sind das schlechte Aussichten. Denn die in ihrem eigenen Selbstverständnis noch immer mächtigste Gewerkschaft droht gänzlich unberechenbar zu werden. Wo Huber Sozialreformen für nötig erachtet, lehnt Peters sie -.- ab, wo Huber auf eine partnerschaftliche Tarifpolitik setzt, plädiert Peters bislang für maximale Härte. Doch die IG Metall hat keine Zeit, sich zu sortieren. Gleich nach der Sommerpause geht es um die Zukunft von Schröders Agenda 2010. Und zum Jahreswechsel steht die nächste Metalltarifrunde an. Da drängt sich der fromme Wunsch auf, die IG Metall möge noch eine Weile mit sich selbst beschäftigt sein. Ein Neuanfang sieht anders aus.

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