IG Metall
Analyse: Tiefe Risse

Die größte deutsche Industriegewerkschaft ist zwar noch in der Lage, Unmut und Protest gegen jede erdenkliche Form der Veränderung zu artikulieren. Doch eine gemeinsame positive Botschaft, die gar Anziehungskraft auf neue Mitglieder ausüben könnte, gibt es nicht mehr.

Deutlicher hätten die Delegierten auf dem Kongress der IG Metall in Frankfurt das Grundproblem ihrer Organisation wohl nicht vorführen können: Die größte deutsche Industriegewerkschaft ist durch ihre innere Zerrissenheit gelähmt. Sie ist zwar noch in der Lage, Unmut und Protest gegen jede erdenkliche Form der Veränderung zu artikulieren. Doch eine gemeinsame positive Botschaft, die gar Anziehungskraft auf neue Mitglieder ausüben könnte, gibt es nicht mehr.

Die gleichermaßen schlechten Wahlergebnisse für Jürgen Peters und Berthold Huber als neues Führungsduo zeigen nur, wie tief die Kluft in die Organisation hineinreicht. Der offene Krach an der Spitze nach dem Streikdesaster im Osten, der gescheiterte Protestkurs gegen die rot-grünen Reformen bei der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik – sie mochten sich theoretisch noch als bloßes Versagen des Führungspersonals einer eigentlich starken Gewerkschaft erklären lassen.

Doch nun ist klar: Mit dem obersten Souverän, dem Gewerkschaftstag, verhält es sich nicht anders. Viel mehr als eine Bekundung ziemlich gleichmäßig verteilten Missfallens gegenüber jedem verfügbaren neuen Führungsangebot hat er als Botschaft nicht zu Stande gebracht. Dem tradierten Bedürfnis der Metaller nach kämpferischer Geschlossenheit ist es geschuldet, dass die Missfallensbekundung ein für die praktische Gewerkschaftsarbeit unbedeutendes Maß nicht überschritten hat.

Dass sich die in Charakter und Denken so unterschiedlichen Gewerkschaftsführer Peters und Huber vor diesem Hintergrund zu einer engen Zusammenarbeit geradezu „verdammt“ sehen, mag eine zutreffende Erkenntnis sein. Das Grundproblem der Gewerkschaft wird damit allerdings in seiner Dimension eher verwischt. Demonstrative Harmonie in der Führung wird kein Ersatz für die Lösung inhaltlicher Aufgaben sein.

Das Problem liegt eben nicht einfach in der Atmosphäre eines von aktuellen Turbulenzen ausgelösten Misstrauens zwischen den konkurrierenden Strömungen, die vereinfachend, aber nicht zu Unrecht mit den Etiketten „Traditionalisten“ und „Modernisierer“ versehen werden. Der Kern liegt darin, dass der IG Metall – wie übrigens auch Sozialdemokraten und anderen Gewerkschaften – der ideologische Überbau abhanden gekommen ist, mit dem sich das gesamte Spektrum ihrer konkreten Arbeit erklären lässt. Und ein geeigneter Ersatz ist nicht in Sicht.

Mit polternden Reden gegen „Profitgier“ und „Sozialabbau“ lässt sich zwar noch immer quer durch die Arbeitnehmerschaft spontaner Beifall ernten. Doch wirken solche Reden längst nur noch wie süßes Gift. Sie stellen vermeintlich Einigkeit her, verfestigen aber tatsächlich das sattsam bekannte Blockierer-Image und engen die Spielräume der Gewerkschaft ein, sich in politischen Fragen strategisch günstiger zu positionieren.

Einige Delegierte haben es in Frankfurt angesprochen: Wenn wildem Protest gegen jedes Einzelelement der „Agenda 2010“ umgehend das Eingeständnis folgt, Rot-Grün sei im Vergleich zu den Alternativen doch noch immer die bessere Regierung, dann untergräbt das jede Glaubwürdigkeit.

Mit dem Gedankengut linker Protestreden lässt sich auch nicht erklären, dass gesetzliche Öffnungsklauseln im Tarifrecht schon deshalb überflüssig seien, weil man in der betrieblichen Praxis bereits viel Flexibilität bewiesen habe. Andererseits hat sich die IG Metall in der Praxis immerhin bereits so oft pragmatisch gezeigt, dass sie eigentlich längst nicht mehr dem Bild einer linken Gegenmacht entspricht. Und sie wird diese Form des Pragmatismus weiter kultivieren müssen, falls sie sich jenseits der schrumpfenden Arbeiterbasis als eine attraktive Interessenvertretung für den wachsenden Bereich höher qualifizierter Angestellter präsentieren will.

Der erste wichtige Prüfstein für die neue Gewerkschaftsführung wird die im Herbst beginnende Tarifrunde sein. Für eine an ihre einst große Durchsetzungskraft gewöhnte Organisation wie die IG Metall bleibt die Versuchung groß, innere Zerrissenheit durch ein besonders kämpferisches Auftreten nach außen zu überbrücken. Peters und Huber werden daher einiges argumentatives Geschick aufbieten müssen, um ein verbreitetes Bedürfnis der Metaller nach Genugtuung für erlittene Schmach im Osten zu dämpfen. Andernfalls wäre die Streikniederlage im Frühsommer wohl nur die erste in einer wohl noch langen Serie gewesen. Bereits in den nächsten Wochen entscheidet sich, wie lange und schmerzlich der Lernprozess der IG Metall sein wird.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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