IG Metall mit Streiks gescheitert
Kommentar: Erfahrung der Ohnmacht

Hochmut kommt vor dem Fall, immer – und auch bei der IG Metall. Vor sieben Jahren hatte der damalige Gesamtmetall-Chef Werner Stumpfe der seinerzeit mächtigsten deutschen Gewerkschaft einen tarifpolitischen „Abrüstungspakt“ angeboten. Die hohe Streikanfälligkeit der Just-in-time-Produktion, so seine offene Diagnose, habe die Arbeitgeberverbände erpressbar gemacht. Im Hochgefühl ihrer Übermacht schlug die IG Metall das Angebot aus.

DÜSSELDORF. Nun erntet die IG Metall die bitteren Früchte solcher Selbstüberschätzung – sie erlebt ihre eigene Ohnmacht. Zwar hat das Ausmaß ihrer Niederlage im ostdeutschen Tarifkonflikt, jenseits interner Personalquerelen, viel mit den Besonderheiten der ostdeutschen Tariflandschaft zu tun. Die Lehren daraus sind aber für die gesamte Tarifpolitik von Interesse. Die Niederlage der IG Metall bestätigt, dass die Durchsetzungskraft einer Gewerkschaft dort an Grenzen stößt, wo die Arbeitgeberver-bände bereit sind, tarifpolitische Inhalte über den formalen Fortbestand des Flächentarifs zu stellen. Der Drohung der IG Metall, Betriebe bei Verbandsflucht mit tarifpolitischem „Häuserkampf“ zu bestrafen, fehlte es zumindest diesmal an Unterstützung durch die Beschäftigten und damit an Glaubwürdigkeit.

Für die IG Metall ist der Abbruch des Arbeitskampfes nur der erste Schritt auf einem steinigen Weg zur Einsicht in die Grenzen der eigenen Macht. Will die Gewerkschaft sich dabei vor quälender Selbstzerstörung schützen, wird es nicht reichen, dass Verhandlungsführer Hasso Düvel die Verantwortung übernimmt. Es mag eine ungerechte Lastenverteilung sein, doch ohne einen Verzicht von IG-Metall-Vize Jürgen Peters auf den Gewerkschaftsvorsitz wird die Kluft kaum zu überwinden sein.

Wie tief greifend sich das tarifpolitische Klima im Lande nun tatsächlich verändern wird, bleibt indes abzuwarten. Denn auch für die auf Planungssicherheit bedachten Unternehmen ist die Zersplitterung der Tariflandschaft weiter nur die zweitbeste Lösung – nach einem Flächentarif, von dem auf Betriebsebene im Rahmen gesetzlicher Öffnungsklauseln und ohne Einspruchsrecht der Gewerkschaft abgewichen werden kann. Falls es Bundeskanzler Gerhard Schröder mit der Ankündigung in seiner Regierungserklärung vom 14. März ernst war, dann hat er auch jetzt keinen Anlass, von einer Neuordnung des Tarifrechts abzurücken.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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