IKB
Heikle Hilfe

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Jochen Sanio, der oberste deutsche Finanzaufseher, trägt dick auf, wenn er die Krise um die IKB tatsächlich mit dem Finanzkollaps 1931 vergleicht. Wahrscheinlich wollte er Regierung, KfW und die anderen Banken per Schocktherapie zu einer Rettungsaktion zwingen.

Zur Erinnerung: Der Kollaps mehrer Großbanken zu Beginn der dreißiger Jahre war ein Auswuchs der Weltwirtschaftskrise, die letztlich dazu beigetragen hat, die Nazis an die Macht zu bringen. Die Dresdner Bank wurde de facto zur Staatsbank – und damit später auch zur Nazi-Bank. Außerdem erließen die braunen Machthaber das Kreditwesengesetz, also das bis heute gültige, mehrfach abgewandelte Instrument der Finanzaufsicht.

Auch in der Geschichte der Bundesrepublik kamen noch Bankpleiten vor. Am besten in Erinnerung ist der Fall Herstatt in den 70er-Jahren, bei dem es den klassischen Run der Sparer auf die Schalter gab. Schon weitgehend vergessen ist die Zusammenbruch der Bayerischen Raiffeisen-Zentralbank in München in den 80er-Jahren. Es handelte sich um ein ziemlich großes Institut, aber der Verbund der Genossenschaftsbanken fing es rasch auf.

Genau diese Frage stellt sich auch heute: Wer ist dafür zuständig, eine Bank aufzufangen, die in Schieflage geraten ist? Die Verbünde – also Genossenschaften und Sparkassen – regeln das meist intern. Bei den Privatbanken ist es mit der Solidarität nicht so weit her: Die Deutsche Bank hat bei der IKB offenbar die Reißleine gezogen.

Es gäbe gute Gründe, Banken, die sich verspekuliert haben, überhaupt nicht aufzufangen. Schließlich schafft man sonst geradezu Anreize, überhöhte Risiken einzugehen. Die IKB liefert ein Beispiel dafür, wie dreist Risiken gegenüber der Öffentlichkeit und den Anlegern verschwiegen werden können. Wer den Geschäftsbericht durchblättert, findet seitenweise ermüdende Ergüsse und nette Grafiken zum Thema Risikokontrolle. Aber keinen Hinweis auf riesige Bürgschaften. Dabei weiß jeder Banker (und auch manche Bankkunden aus leidvoller Erfahrung), dass Bürgschaften zu den gefährlichsten Geschäften überhaupt gehören: Man weiß nie, wann es einen trifft, und oft auch nicht, in welcher Höhe.

Auf der anderen Seite wäre es auch naiv zu erwarten, dass Bankenaufsicht und Regierung einfach zuschauen, wie eine Bank zusammenbricht. Zu groß ist die Angst vor einem Ansteckungseffekt, der sich dann nicht mehr kontrollieren ließe. Bei der IKB hätte es zwar keinen Run auf die Bankschalter gegeben wie im Fall Herstatt, denn das Düsseldorfer Institut finanziert sich hauptsächlich über Anleihen und Kredite anderer Institute. Aber der Schaden für die deutsche Bankenbranche wäre dennoch erheblich gewesen.

Fazit also: Der Staat darf helfen. Die Frage ist aber, in welchem Umfang und in welcher Form. Genau damit wird sich auch die EU-Kommission bei der Beurteilung des Falls beschäftigen. Im Mittelpunkt steht letztlich die Frage: Ist es sinnvoll, die IKB weiter als selbstständige Bank arbeiten zu lassen? Sollte nicht der Großaktionär KfW schnell einen Käufer suchen?

Dafür sprächen zwei Gründe. Erstens ein ordnungspolitischer: Banken dürfen sich nicht darauf verlassen, dass sie komplett gerettet werden – es reicht eben nicht aus, den Chef zu feuern. Der zweite ist eher praktischer Natur: Wie glaubwürdig ist die IKB jetzt noch als selbstständiges Institut? Der mehrfache Absturz der Aktie zeigt, dass selbst eine konzertierte Aktion von Bund, KfW und anderen Banken die Zweifel nicht ausräumen können. Letztlich wartet der Markt darauf, dass ein starker Konkurrent sich vollständig für das Institut verantwortlich erklärt.

Die bisherige Bilanz des Krisenmanagements von Sanio & Co. fällt gemischt aus. Die Runde hat schnell gehandelt. Das war wichtig. Sie hat die private Kreditwirtschaft mit ins Boot geholt. Das war richtig. Auf der anderen Seite blieb genau der entscheidende Punkt zunächst unklar: Sind wirklich alle Risiken abgesichert? In diesem Punkt darf es nur ganz kurze Phasen der Unsicherheit geben.

Man kann natürlich auch die Frage stellen, warum die Finanzaufsicht die Probleme nicht vorher bemerkt hat. Zu diesem Punkt wird Sanio noch im Detail Stellung nehmen müssen. Immerhin kann man der Aufsicht zugestehen, dass gerade Bürgschaften wenige Spuren in den Büchern hinterlassen. Wenn ihr die entscheidenden Verträge verschwiegen wurden, hätte sie nur mit sehr feiner Nase Lunte riechen können.

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