In Dresden wird nicht nur über das dortige Direktmandat entschieden
Neue Überraschungen möglich

Wegen der Nachwahl im Dresdner Wahlkreis 160 am 2. Oktober und einiger Kuriositäten des Wahlrechts sind noch Überraschungen möglich. Theoretisch könne es sogar passieren, dass eine Partei mehr Stimmen, aber trotzdem weniger Bundestagsmandate bekommt.

ost HB DÜSSELDORF. Viele Fragezeichen: Selten in der Geschichte der Bundesrepublik war ein vorläufiges amtliches Endergebnis einer Bundestagswahl mit so großen Fragezeichen versehen wie diesmal: Wegen der Nachwahl im Dresdner Wahlkreis 160 am 2. Oktober und einiger Kuriositäten des Wahlrechts sind noch Überraschungen möglich.

"Je nachdem, welches Ergebnis Sie für den Wahlkreis Dresden I annehmen, kann sich die Mandatsverteilung im Bundestag in verschiedene Richtungen ändern", sagte Johann Szenzenstein, Leiter der Gruppe Wahlen, Volkszählung beim Statistischen Bundesamt, dem Handelsblatt. Theoretisch könne es sogar passieren, dass eine Partei mehr Stimmen, aber trotzdem weniger Bundestagsmandate bekommt. Wahlrechtsexperten sprechen in einem solchen Fall vom "Alabama-Paradoxon" - 1880 trat der Effekt im Repräsentantenhaus des US-Bundesstaates erstmals auf.

Verschiebungen absehbar: Simulationsrechnungen des Internet-Dienstes Wahlrecht.de zeigen: Die Nachwahl kann die Sitzverteilung zwischen Union (momentan: 225 Mandate) und SPD (222) in beide Richtungen deutlich beeinflussen. Der Vorsprung der Union kann auf 224 zu 223 schrumpfen - oder sich auf 226 zu 222 erhöhen.

Denn in Dresden wird nicht nur über das dortige Direktmandat entschieden. Von der Zahl der dort abgegebenen Zweitstimmen hängt auch ab, wie sich die Bundestagssitze der CDU auf die Landeslisten der Partei verteilen. Die Anzahl der Bundestagssitze einer Partei wird in einem zweistufigen Verfahren berechnet. Zunächst bestimmt sich durch den bundesweiten Anteil der Zweitstimmen, wie viele Mandate eine Partei insgesamt bekommt. In einem zweiten Schritt entscheidet das Zweitstimmenergebnis in den Ländern, wie diese Sitze auf die Landeslisten einer Partei verteilt werden. Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate erringt, als ihr dort nach den Zweitstimmen eigentlich zustehen. Taktisches Verhalten: In Dresden kann nun Folgendes passieren: Bekommt die CDU dort in etwa so viele Zweitstimmen wie 2002, verliert sie ein Bundestagsmandat. Denn ein CDU-Mandat würde sich von der NRW-Landesliste der Partei nach Sachsen verschieben - im Osten würde es aber mit einem der Überhangmandate verrechnet. "In Sachsen würde der zusätzliche Sitz, der in NRW wegfällt, verpuffen", sagt Wilko Zicht von Wahlrecht.de. Wenn die SPD auch das Direktmandat in Dresden gewinnt, schmilzt der Unions-Vorsprung auf einen einzigen Sitz zusammen.

Weil die Dresdner die Wahlergebnisse kennen, sind Tür und Tor für taktisches Verhalten geöffnet. So wäre es für die Union rational, ihre Anhänger davon abzuhalten, ihre Zweitstimme der CDU zu geben.

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