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In eigener Sache: Ausgenommene Weihnachtsgans

Bei den Stadtwerken liegen die Nerven blank: Die Energiewende hat die Strompreise nach oben getrieben und die Kunden verärgert. Da reagiert man schon mal harsch auf unliebsame Berichterstattung.

Viele Stadtwerke erhöhen zum Jahreswechsel die Preise. Quelle: dpa
Viele Stadtwerke erhöhen zum Jahreswechsel die Preise. Quelle: dpa

DüsseldorfManchmal ist diese Seite eine Seite für ganz große Gefühle. Zum Beispiel für: sich ärgern. Handelsblatt Online hat vor einigen Wochen so berichtet: Für mehr als 30 Millionen Haushalte in Deutschland wird der Strom vom 1. Januar 2013 an teurer. Die rund 1000 Stromanbieter in Deutschland haben ihre Kunden bereits darüber informieren müssen. Begründet wird die Erhöhung meist mit der steigenden Umlage für Ökostrom und höheren Kosten für die Nutzung von Stromnetzen. Im Durchschnitt sollen Kunden ab Januar knapp zwölf Prozent – etwa 125 Euro pro Jahr – mehr für den Strom berappen. Verglichen mit dem Vorjahr ist das ein massiver Sprung nach oben, denn zwischen Dezember 2011 und November 2012 waren die Preise nur um vier Prozent gestiegen.

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Nach dieser eher allgemeinen Einleitung ging es bei uns ziemlich konkret zur Sache: „Richtig teuer wird es beispielsweise für Kunden der Stadtwerke Plattling“, schrieben wir. „Sie sollen stolze 20 Prozent mehr zahlen.“ Damit wollten wir nicht zum Ausdruck bringen, dass die Stadtwerke die teuersten im Lande sind – sondern nur, dass die Stadtwerke die Preise im Vergleich zu anderen besonders stark angehoben haben. Grundlage für unsere Aussage war die Berechnung eines Vergleichsportals, dass das kleine Stadtwerk in Süddeutschland mit seinen 40 Mitarbeitern als dasjenige ausspuckte, bei dem die prozentuale Erhöhung am happigsten ausfiel.

Stromkosten Strompreise steigen für 30 Millionen Haushalte

Ab Januar müssen viele Verbraucher beim Strom noch tiefer in die Tasche greifen.

Zwei Wochen passierte nichts – bis uns jüngst ein Schreiben des Anwalts Lutz Freiherr von Hirschberg erreichte. Der Jurist, ein Spezialist für Energierecht, wies sich als Vertreter der Plattlinger Stadtwerke aus und forderte uns auf, eine Unterlassungsverpflichtungserklärung abzugeben. Handelsblatt Online habe Plattling zu Unrecht an den Pranger gestellt, meint er. Die Stadtwerke hätten nun ein wirtschaftliches Problem. Offenbar haben sich die Plattlinger Energieversorger ordentlich geärgert angesichts so schlechter Presse.

Der Anwalt ehrt damit uns und unsere Wirkung – ohne Zweifel. Das aber ist gar nicht seine Absicht. Der Mann weiß, wie sein Job funktioniert. Er hat mehr als 100 Kunden aus der Branche und stellt bei ihnen derzeit eine gewisse „Sensibilisierung“ fest. Offenbar nagt die Kritik der Kunden an ihren Energieversorgern so sehr an deren Selbstverständnis, dass Anwälte wie von Hirschberg derzeit gute Konjunktur haben. Im Fall Plattling jedenfalls erklärte von Hirschberg, dass die prozentuale Erhöhung zwar hoch ausgefallen sei, das Endergebnis aber vergleichsweise moderat: Da die Stadtwerke vorher zu den günstigen Anbietern gezählt hatten, seien sie auch nach der Erhöhung nicht „richtig teuer“. Die Argumentation – aufbereitet auf 17 Seiten und mit einer saftigen Rechnung versehen – war für uns bis auf die Rechnung nachvollziehbar, weswegen wir in unserer Berichterstattung  aus „richtig teuer“ nun „deutlich teurer“ gemacht haben.

So erklärt Verivox die Tarif-Fallstricke

  • Richtlinien zum Verbraucherschutz

    Tarife, die nicht den Verivox-Richtlinien zum Verbraucherschutz entsprechen, werden nicht unter den Tarif-Empfehlungen des Vergleichsrechners dargestellt. Ähnliche Hinweise gibt es auch bei Check24. Auf folgende Fallstricke wird bei solchen Tarifen hingewiesen:

  • Vorauskasse

    Sie zahlen für die kalkulierten Abschläge für 12 Monate im Voraus und können so von günstigen Tarifkonditionen profitieren. Gleichzeitig besteht im Falle einer Unternehmensinsolvenz jedoch das Risiko, die geleisteten Vorauszahlungen nicht zurückzuerhalten. Wenn Ihnen der Anbieter eine Preisgarantie bzw. eingeschränkte Preisgarantie gewährt, können die Preise nach deren Ablauf erhöht werden – ggf. auch schon vor Ablauf des Vorauszahlungszeitraums. Die angegebenen Gesamtkosten können von der Höhe der zu leistenden Vorauszahlungen abweichen, da etwaige Boni in der Regel erst mit der ersten Jahresrechnung gutgeschrieben werden.

  • Mehr- oder Mindestverbrauchsaufschlag

    Die angegebenen Gesamtkosten in Höhe von 293,96 Euro basieren auf ihrem angegebenen Jahresverbrauch von 1500 kWh und einem Verbrauchspreis von 22,41 Cent je kWh. Weicht Ihr realer Jahresverbrauch von dieser Angabe an, gelten folgende Verbrauchspreise je kWh für den Jahresverbrauch:

    -          Liegt der reale Jahresverbrauch mehr als 20 Prozent unter ihrem angegebenen Jahresverbrauch, beträgt der Verbrauchspreis für den Jahresverbrauch 24,41 Cent je kWh.

    -          Liegt der reale Jahresverbrauch mehr als 20 Prozent über ihrem angegebenen Jahresverbrauch, beträgt der Verbrauchspreis für den Jahresverbrauch 24,41 Cent je kWh.

    Das Angebot richtet sich ausschließlich an Kunden, die Ihren Verbrauch sicher einschätzen können und deren Verbrauch stabil ist.

  • Kosten im 2. Jahr beachten

    Bei diesem Tarif mit mehr als 12 Monaten Erstvertragslaufzeit wird im 1. Vertragsjahr ein Bonus ausgelobt. Durch den Wegfall des Erstjahresbonus im 2.Vertragsjahr erhöhen sich die fortlaufenden Kosten automatisch.

  • Paket

    Mit diesem Tarif kaufen Sie eine bestimmte Anzahl von Kilowattstunden. Ein Minderverbrauch wird in der Regel nicht erstattet, der Mehrverbrauch muss zusätzlich bezahlt werden und wird jährlich abgerechnet. Das Angebot richtet sich ausschließlich an Kunden, die ihren Verbrauch sicher einschätzen können und deren Jahresverbrauch stabil ist.  Bitte beachten Sie, dass sich der Preis für Paket-Tarife auch während der Laufzeit ändern kann, wenn im Angebot keine entsprechende Preisgarantie enthalten ist.

  • Kaution, Sonderabschlag, Genossenschaftseinlage

    Bei diesem Tarif ist vor Lieferbeginn einmalig eine Kaution oder ein Sonderabschlag fällig. Bei einer Genossenschaft entspricht das der Zahlung einer Genossenschaftseinlage. Die Zahlung wird nicht verzinst und nach Beendigung des Vertragsverhältnisses mit der letzten Abrechnung verrechnet bzw. zurückerstattet. Der Sonderabschlag ist nicht in den Gesamtkosten enthalten. Im Falle einer Unternehmensinsolvenz besteht das Risiko, den geleisteten Sonderabschlag nicht zurückzuerhalten.

  • Preisgarantie

    Gilt für alle Preisbestandteile, ausgenommen Mehrwertsteuer-Änderungen und langfristig festgelegte Strom- und Erdgassteuern.

  • Eingeschränkte Preisgarantie

    Hier können Änderungen von gesetzlichen Abgaben und Umlagen (EEG, KWK-G, Konzessionsabgabe) weitergegeben werden.

  • Energiepreisgarantie

    Nur ein Preisbestandteil (Energiepreis) ist garantiert.

So weit, so gut. Wir fragen uns allerdings, warum sich nicht mal ein Stadtwerk wie etwa das in Plattling erhebt und erklärt, warum es sich zwingen lässt, Sondertarife für energieintensive Betriebe einzuräumen. Warum die Versorger nicht gemeinsam mit uns Kunden dagegen protestieren, dass auf die Stromsteuer noch Umsatzsteuer berechnet und Energie damit doppelt besteuert wird.  Wir fragen uns auch, ob uns die gescholtene und gepriesene Energiewende nicht doch mehr als 100 Euro wert sein sollte. Und wir fragen uns nun, ob sich Stadtwerke diese Fragen gar nicht stellen, sondern stattdessen lieber mit ihrem Anwalt korrespondieren und uns Endkunden weiter ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Letzteres aber stimmt nicht, wie wir bei nüchterner Betrachtung feststellen können: Die Bevölkerung wird nicht wie eine Weihnachtsgans ausgenommen. Weihnachtsgänse sind beim Ausnehmen schon tot und werden übrigens nach dem Ausnehmen wieder gefüllt – das ist bei Stromkunden nicht so. Ob in Plattling oder anderswo.

 

 

 

  • 16.12.2012, 10:44 UhrRumpoint

    Danke Oliver Stock für diesen Artikel und Deine Meinung! Ich hoffe, dass noch viele Journalisten in der Zukunft bereit sein werden, auch Ihre ungemütliche Meinung zu sagen, somit Leser wachrütteln oder zum Schmunzeln bringen. Mein Befürchtung ist, im Speziellen nach dem Aus der FTD, das Zeitungen u Journalisten stromlinienförmig sein müssen, und nicht gegen Anzeigenkunden und Grossabonnenten argumentieren dürfen, zum Schutz der Einnahmen und des eigenen Arbeitsplatzes! Danke!

  • 11.12.2012, 17:34 Uhrmerxdunix

    @ depot53345
    Nein, nein, der Erklär-Peer wird uns schon von der Notwendigkeit der finanziellen Unterstützung unserer Großindustrie überzeugen. Schließlich haben wir dann doch den Mindestlohn, um großzügig sein zu können.

  • 11.12.2012, 15:17 Uhrmerxdunix

    @@ tdCi
    Wenn die Stromversorger den verkauften Strom nachweislich beschaffen müssten, würde sich das bilanziell ausgleichen. Dann dürfte aber kein Stromversorger ein eigenes Kraftwerk betreiben bzw. müsste er dann im Umkehrschluss gezwungen sein, den damit erzeugten Strom ebenfalls an der Börse zu vermarkten. Solange sich der Stromversorger darauf berufen kann, den an seine Kunden verkauften Strom selbst erzeugt oder außerhalb der Börse bezogen zu haben, kann ihm keiner Strom von der Börse in Rechnung stellen. Ihre Welt wäre heil, wenn Strom ausschließlich an der Börse gehandelt würde.
    Der Pflichtbezug der Stromversorger für EEG-Strom ist mit dem EEG-Umlageverfahren weggefallen und weil Stromversorger nicht verpflichtet sind, erneuerbaren Strom einzukaufen, fallen die Nachfrage an der Börse und die Börsenpreise für erneuerbaren Strom und Strom insgesamt, sowie auch die Beschaffungskosten der Versorger. Im Gegenzug steigt die EEG-Umlage, weil die Vergütung an die EEG-Betreiber konstant bleibt. Die gestiegene EEG-Umlage haben die Stromverbraucher zwangsweise zu bezahlen, aber es gibt keinen Zwang der Stromversorger die Einsparungen an die Kunden weiterzureichen. Die Stromversorger sind also motiviert, den Börsenpreis für EEG-Strom zu drücken. Sollen sich doch die Verbraucher an der dadurch gestiegen Umlage aufreiben und gegen das EEG Sturm laufen. Der Witz ist, dass stromintensive Industriebetriebe von diesen gedrückten Börsenpreisen auch profitieren und dazu noch von der EEG-Umlage befreit werden. Sie sparen also doppelt und lachen sich tot. Die Energiewende ist schon eine tolle Sache, oder?! Zumindest solange man seinen Strom nicht an der Börse verkaufen muss. Wenn demnächst in Deutschland der Strom ausfällt, dann sind bestimmt wieder die Erneuerbaren schuld und Reservekraftwerke bei den Börsenpreisen für Strom nicht wirtschaftlich zu betreiben. Also braucht man noch eine Umlage.

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