Indien
Knallharte Interessen

Kurz nach dem Drahtseilakt ihrer China-Reise fliegt Angela Merkel in der kommenden Woche erstmals nach Indien. Der Kontrast beider Staatsbesuche ist groß. In der größten Demokratie der Welt muss die Kanzlerin keine diplomatischen Tretminen fürchten wie zuvor in China bei den Themen Menschenrechte, Dalai Lama oder staatlich gedeckter Ideen-Klau.
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Statt undurchschaubarer Parteikader erwartet sie zudem ein herzlicher Empfang durch Premier Manmohan Singh. Schon bei früheren Treffen stimmte die Chemie zwischen den beiden auf Umwegen zur Politik gelangten Wissenschaftlern. Neben Terminen mit dem Who’s who der indischen Machtelite nimmt sich Merkel auffällig viel Zeit für Begegnungen mit der Zivilgesellschaft des ethnisch, religiös und sozial wohl heterogensten Staatsgebildes der Welt. Der Meinungsaustausch mit Künstlern, Intellektuellen und Vertretern religiöser Minderheiten soll eine Botschaft vermitteln: Merkel hofiert eine werdende Weltmacht, die Pluralismus ins Zentrum ihres Staatswesens stellt, anders als China. Zusammen mit dem Gewicht seiner Bevölkerung, militärischer Stärke und boomender Wirtschaft prädestiniert dies Indien zum strategischen Partner erster Wahl in Asien.

Der Kontinent zeigt nicht nur die größte Wirtschaftsdynamik. Die großen Sicherheitsfragen des 21. Jahrhunderts werden dort maßgeblich mitentschieden. Deshalb wirbt Amerika mit harter diplomatischer Währung um Indien und verspricht ihm Zugang zu modernsten Waffen und ziviler Nukleartechnik. Merkels Besuch sollte daran gemessen werden, ob es ihr gelingt, eine schon unter Gerhard Schröder geschlossene „strategische Partnerschaft“ mit mehr Leben zu erfüllen. Eine schwierige Aufgabe. Denn Indien betreibt knallharte Interessenpolitik: Es zählt vor allem, wer beim angestrebten Weg zur Großmacht hilft. Viele Inder sehen Deutschland daher eher als Partner zweiter Wahl. Auch wenn der bahnbrechende indo-amerikanische Nukleardeal wegen innenpolitischer Querelen in beiden Ländern auf Eis liegt, sollte Merkel bei ihrem Besuch daher deutlich machen, dass Deutschland diesem Abkommen im Prinzip wohlwollend gegenübersteht. Denn nichts wünscht Indien so sehnlich wie die Anerkennung als verantwortungsbewusste, dem Westen freundlich gesinnte Nuklearmacht.

Bei der Rüstungskooperation hat Deutschland trotz jüngster Anstrengungen ebenfalls Nachholbedarf gegenüber Ländern wie den USA, Frankreich, Großbritannien oder Israel. In diesem Punkt darf man sich keine Illusionen machen: Partner, die „strategisch“ nicht auch im militärischen Sinn meinen, haben für ein von Konfliktherden umgebenes Land viel weniger Gewicht. Wirtschaftsdiplomatische Großoffensiven, wie sie Japan in Form eines 90 Milliarden Dollar teuren Infrastrukturkorridors zwischen Delhi und Bombay unternimmt, kann Deutschland nicht meistern. Umso wichtiger ist Entgegenkommen bei Fragen wie der Erteilung von Arbeits- und Geschäftsvisa für Inder.

Um seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, muss allerdings auch Indien selbst viel leisten. Zwar hat das Land zu einer dauerhaft hohen Wachstumsrate von rund acht Prozent gefunden. Doch sein weltwirtschaftliches und damit sein geostrategisches Gewicht reicht bei weitem nicht an jenes Chinas heran. Rund 800 Millionen Inder haben weniger als zwei Dollar am Tag zum Leben. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt weniger als die Hälfte Chinas, und der Abstand vergrößert sich. Auf absehbare Zeit wird sich das kaum ändern. Indiens Wirtschaft bleibt eklatant überreguliert und von Bürokratie stranguliert. Dies hat Singh mitzuverantworten. Nach drei Jahren an der Macht steht der bekennende Reformer mit leeren Händen da und ist als Premier verbraucht. Gerade gestand er frustriert ein, dass Indiens komplexes politisches System wachstumsfördernde Entscheidungen behindere.

Indien will eine Antwort auf Chinas Machtgewinn finden. Das Land will auf Augenhöhe mit etablierten Großmächten bestehen und nicht zuletzt Mahatma Gandhis Lebensziel verwirklichen, „die letzte Träne vom Antlitz des Ärmsten der Armen zu wischen“. Der Stolz allein, die weltweit größte Demokratie zu sein, trägt das Land nicht in die Zukunft.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent

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