Indien
Wissen aus dem Palmenhain

Indiens Gehirne werden zum wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Und der Wert dieser Ressource steigt stetig.

Auf den ersten Blick gleicht die Hosur Road einer typischen indischen Ausfallstraße: Heiß, staubig, übersät mit Schlaglöchern, chronisch verstopft, von Abgasen geschwängert, windet sie sich aus Bangalores Stadtzentrum nach Süden auf das flache, arme Land. Doch unter diesem pockennarbigen Asphaltband pumpen Datenkabel das Wissen von Zehntausenden Ingenieuren mit Lichtgeschwindigkeit in alle Welt. Das macht die Hosur Road zum Sinnbild des modernen Indiens: ein bitterarmes Schwellenland, das im Zeitraffer mehrere Entwicklungsstufen überspringt und sich zum neuen globalen Wettbewerber im Bereich der Hochtechnologie aufschwingt.

Die Straße ist eine Schlagader der Globalisierung. Hier haben sich Firmen wie Siemens und Hewlett-Packard niedergelassen in Glaspalästen, wie sie auch in München oder Palo Alto stehen könnten. In einem nüchternen, mit grauem Granit verkleideten Block hat die Robert Bosch GmbH ihr Entwicklungszentrum untergebracht, das größte außerhalb Deutschlands. Hier entwerfen indische Ingenieure Navigationssysteme und Motorsteuerungen, nicht für indische Autos, sondern für die Märkte in Deutschland, Japan oder in den USA. "Der internationale Wettbewerb lässt Bosch keine Alternative", erklärt Walter Grote. Nüchtern stellt der Leiter des Zentrums fest: "Die Arbeit wird dort gemacht, wo sie am besten und am günstigsten ist." Also zunehmend nicht mehr auf der Schwäbischen Alb, an der Isar oder in Kaliforniens Silicon Valley, sondern in Bangalore, Hyderabad und Chandigarh.

Indische Ingenieure verdienen weniger als ein Fünftel des Gehalts ihrer deutschen Kollegen. Und es gibt viele davon: Jährlich verlassen rund 250 000 die Universitäten, viermal so viel wie in den USA. Diese Ressource ist heute Indiens kostbarstes Exportgut. Damit verdient das Land mehr als mit Textilien, Tee und Gewürzen, die über Jahrhunderte die wichtigsten Ausfuhrprodukte waren. "Indische Gehirne werden zum Öl des 21. Jahrhunderts", ist Raghunat Anant Mashelkar, Indiens oberster Wissenschaftskoordinator überzeugt. Und: "Der Wert dieser Ressource wird stetig steigen."

Längst fluten nicht mehr nur Call-Center-Jobs oder simple Codierarbeiten ins Land. Die Offshoring-Welle greift weit über Software hinaus auf Bereiche wie den Entwurf von Großanlagen, Kraftwerken, Bohrplattformen, Flugzeugteilen oder Mikrochips. Selbst Hollywood-Produktionen entstehen inzwischen zu einem großen Teil in indischen Animationslabors. Banker in Bombay bereiten für die Wall Street komplexe Finanzdeals vor, entscheiden über Kreditwürdigkeit von Hypothekenkunden in den USA oder analysieren Aktien, auch für die Deutsche Bank.

Bosch findet immer neue Wege, indisches Wissen zu nutzen. "Deutsche Technik made in India" nennt Grote das, was in seinem Entwicklungszentrum entsteht. Spezialisten simulieren die Funktion neuer Komponenten. Diesen klassischen Ingenieursbereich, in dem sich Deutschlands Industrie lange in der Gewissheit unschlagbarer Wettbewerbsvorteile wiegte, will Bosch in Indien stark ausbauen. Grote: "Das senkt Kosten, erhöht damit die Wettbewerbsfähigkeit unserer deutschen Standorte und sichert dort Arbeitsplätze." Nur wer bei Offshoring die Nase vorn habe, könne global mithalten.

Diese Strategie verfolgen natürlich auch andere: In Bombay, Bangalore und Delhi entwickeln über 5 000 Siemens-Ingenieure Software und Medizintechnik, entwerfen Kraftwerke. Degussa entwickelt in Indien Feinchemikalien, Altana forscht in Bombay an neuen Medikamenten.

Das Entwicklungszentrum von SAP in Bangalore ist zum zweitgrößten nach der Zentrale in Walldorf avanciert und wächst weltweit am schnellsten. Jeder vierte SAP-Entwickler arbeitet in Indien, wo die Walldorfer erneut eine Milliarde Dollar investieren wollen. Damit liegen sie voll im Trend: Auch Konkurrenten wie Oracle, Microsoft oder IBM haben auf dem Subkontinent ihre größten Entwicklungszentren außerhalb der Heimat aufgebaut. "Wir müssen hier investieren", verteidigt der langjährige Leiter der indischen SAP-Tochter Clas Neumann die Offshoring-Strategie seines Arbeitgebers, "nur so können wir auf dem Weltmarkt preislich mithalten."

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