Inflation
Geheime Botschaften

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Dass es der knochentrockene Bundesbankpräsident Axel Weber auf die Titelseite von „Bild“ schafft, kommt nicht alle Tage vor. Und er setzt sich damit prompt der Kritik aus: Seine Warnung vor Inflation wirkt, durch Deutschlands größte Boulevardzeitung vervielfältigt, wie Panikmache.

Das Thema Inflation bietet zurzeit so viele Facetten wie selten zuvor. Durch die spürbare Preissteigerung gerade bei Lebensmitteln und Treibstoff ist es plötzlich populär geworden. So erklärt sich der „Bild“-Aufmacher. Auf der anderen Seite kann von dramatischen Preissteigerungen bisher wirklich nicht die Rede sein, weder hier noch in den USA. Dem gegenüber steht wiederum die durchaus berechtigte Sorge um die langfristige Geldwertstabilität, die zuletzt ja auch der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan mit seinem jüngsten Buch befördert hat.

Noch verwirrender wird die Gemengelage, weil es den Geldpolitikern immer schwerer fällt, Klartext zu reden. Eine Warnung vor Inflation muss daher nicht heißen, dass der Warner tatsächlich ein zu starkes Ansteigen der Lebenshaltungskosten befürchtet. Vielleicht lautet seine geheime Botschaft, dass er sich Sorgen um die Stabilität der Finanzmärkte macht.

Die Geldpolitiker haben ein Grundproblem, das durch die gegenwärtige Finanzkrise überdeutlich wird: Sie sind inoffiziell für viel mehr zuständig, als ihrem offiziellen Auftrag entspricht. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach den Statuten nur für die Stabilität der Preise zu sorgen. Und damit sind nicht Aktien- oder Immobilienpreise, sondern die Lebenshaltungskosten gemeint. Die US-Notenbank (Fed) hat daneben als zweites Ziel eine angemessene Förderung der Konjunktur.

Tatsächlich aber wurde schon vor der heutigen Krise mehr und mehr zur Hauptaufgabe der Geldpolitiker, die Stabilität der weltweiten Finanzmärkte zu sichern. Hin und wieder sprechen sie dieses Problem selbst an. Dabei verfolgt die US-Notenbank seit Greenspan die Philosophie, Blasen an den Finanzmärkten nicht zu verhindern, sondern die Auswirkungen im Fall des Platzens zu lindern. Die Kollegen in Frankfurt dagegen versuchen, das Geld so knapp zu halten, dass es gar nicht erst zu Auswüchsen kommt. Theoretisch klingt das europäische Konzept vernünftiger. Rein praktisch gesehen sind die Amerikaner mit ihrer Philosophie aber zumindest vor der Krise sehr gut gefahren.

Entscheidend ist aber: Wenn es zur praktischen Geldpolitik kommt, sind die Notenbanker mehr oder minder darauf fixiert, mit ihrem „offiziellen“ Auftrag zu argumentieren. Würde Fed-Chef Ben Bernanke offen sagen, dass er die Zinsen senkt, um die Banken aus dem Sumpf zu ziehen, in den sie sich spekuliert haben, dann wäre er unglaubwürdig. Daher äußert er lieber die Sorge, die Finanzkrise könne auf die Konjunktur übergreifen. Diese Sorge ist ja auch berechtigt. Aber vor allem ist sie durch den Auftrag der Fed begründet.

Das Thema Glaubwürdigkeit spielt auch in Europa eine Rolle, vor allem gegenüber der Politik. Würde ein Geldpolitiker in Frankfurt offen zugeben, dass die Inflation gar nicht sein wichtigstes Problem sei, wie wollte er dann hohe Zinsen gegen den Druck von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy verteidigen?

Wahrscheinlich muss man auch den ewigen Streit der Gelehrten über die Bedeutung der „Geldmenge“ vor diesem Hintergrund sehen. Viele Experten weisen darauf hin, dass dieser statistischen Kennziffer gar kein Einfluss mehr auf die Inflation nachzuweisen ist. Die geldpolitischen Falken der Bundesbank halten dennoch daran fest, dass sie wichtig für die monetäre Analyse sei. Ist sie auch aus ihrer Sicht: Wenn die Geldpolitiker mit der Inflation so schlecht hohe Zinsen begründen können, dann vielleicht noch mit der Geldmenge. Und im Hintergrund lauert immer die Angst, eine zu hohe Geldmenge könne die nächste Blase auf den Kapitalmärkten nähren. Oder, wenn sich der Druck auf die Löhne aus Schwellenländern wie China mildert, doch noch auf das allgemeine Preisniveau durchschlagen.

Fazit: Auf absehbare Zeit drohen wahrscheinlich keine dramatischen Preissteigerungen. Dennoch sollten wir das Bemühen der EZB, möglichst vorsichtig und langweilig zu bleiben, nicht verachten.

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