Inflation
Geschockte Verbraucher

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Es ist noch nicht lange her, da war ein Ölpreis von 100 Dollar pro Fass nur ein Schreckgespenst. Inzwischen kostet Rohöl sogar 130 Dollar pro Fass. Und an den Tankstellen sind 1,50 Euro für den Liter Treibstoff traurige Normalität. Wer zu solchen Preisen tanken, Heizöl nachfüllen oder eine Gasrechnung begleichen muss, dem kann man gut nachfühlen, dass sein „Verbrauchervertrauen“ in den Keller geht, wie es das GfK-Konsumklima demonstriert hat.

Die Inflation schadet also dem Verbrauchervertrauen. Das hat allerdings nicht viel mit Psychologie oder Bauchgefühl zu tun. Es ist einfach so, dass die Verbraucher sich ein realistisches Bild ihrer finanziellen Lage machen. Nach Abzug dessen, was sie an die Ölscheichs und die Energieversorger abführen, bleibt den Menschen kaum ein Einkommensplus, das sie für zusätzliche Ausgaben übrig hätten.

Diese Art der Inflation hat mit Geldentwertung im herkömmlichen Sinne aber nicht allzu viel gemeinsam. Sie lässt sich daher mit den traditionellen Methoden der Inflationsbekämpfung auch kaum angehen. Das Kernproblem ist der Abfluss von Kaufkraft ins Ausland, nicht die unkontrollierte Geldvermehrung oder eine Lohn-Preis-Spirale. Unabhängig davon, wie knapp die Zentralbank das Geld hält: Der Abfluss von Kaufkraft hält an. Die Geldpolitiker können zufrieden sein, wenn sie eine Aufwärtsspirale verhindern, bei der die Löhne stark steigen und selbst wieder die Inflation treiben. Die absehbare Konjunkturabschwächung wird bald genug dafür sorgen, dass es zu keinem hausgemachten Inflationsdruck kommt: Überschießende Lohnabschlüsse wird es in einem solchen Umfeld wahrscheinlich nicht geben.

Der Europäischen Zentralbank, die in wenigen Tagen ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, darf man jedenfalls nicht zur Last legen, dass die Inflationsrate derzeit deutlich höher liegt, als sie es bei Übernahme der geldpolitischen Verantwortung für die mittlere Frist versprochen hat. Dagegen kommt den Verbrauchern in der Währungsunion der hohe Euro-Kurs teilweise zugute: Er dämpft wenigstens etwas die Wirkung hoher Rohstoffpreise.

Die Regierung sollte nicht versuchen, die Preissteigerung bei Energie durch Steuersenkungen auszugleichen. Das würde kurzfristig den Konsumenten helfen, durch höhere Schulden aber die Last nur in die Zukunft verschieben. Besonders fatal wäre es, wenn der Staat gezielt die Kosten des Heizens und Fahrens verringern wollte, etwa durch eine Senkung der Mineralölsteuer. Die gestiegene Knappheit der Energie muss sich in den Preisen niederschlagen. Das erfüllt eine langfristig wichtige Steuerungsfunktion.

Die größten Gegner der Mineralölsteuer sind die Ölscheichs, weil sie die Nachfrage dämpft. Wäre die Steuer so niedrig wie etwa in den USA, würde das Geld lediglich umverteilt: Statt in die Staatskassen flösse es in Form noch höherer Ölrechnungen ins Ausland ab. Das kann nicht im Sinne der Regierung und nicht im wohlverstandenen Interesse der Bürger sein.

Fazit: Die Politik kann den Bürgern die Last nicht abnehmen. Denn letztlich spiegeln die steigenden Preise nur eine wachsende Knappheit wider. Und Versuche, kurzfristig am Markt herumzuschrauben, haben noch nie etwas gebracht.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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