Internationale Presse
„Trauriger Abschied von Gerhard“

Die geplante Aufnahme von Koalitionsgesprächen und die mögliche Wahl von Angela Merkel zur Kanzlerin hat international für Aufsehen gesorgt. Ob Applaus für den "echten Russophilen" Gerhard Schröder oder Skepsis gegenüber der "spröden Ostdeutschen" Merkel - die Kommentatoren sagen eine Zeitenwende für Deutschland voraus.

Russland:

"Kommersant" (Moskau): "Merkel konnte die Gefahr abwehren, die ihr aus der eigenen Partei drohte. Dabei half ihr paradoxerweise Gerhard Schröder, das Feuer der Kritik zu löschen. Bis zum letzten hatte er rigoros ausgeschlossen, dass Merkel zur Kanzlerin gewählt wird, und sich als den einzigen dargestellt, der auf dieses Amt Anspruch hat. Mit seinen Angriffen auf die CDU-Vorsitzende trug Schröder zu der bemerkenswerten Geschlossenheit der CDU/CSU bei. Er gab den Konservativen zu verstehen, dass sie mehr an die Führung im Land als an innerparteilichen Streit denken sollten."

"Iswestija" (Moskau): "Für Russland ist der Abgang Gerhard Schröders ein Verlust. Er war ein echter Russophiler. Und dabei geht es nicht nur um seine private Freundschaft zu Präsident Putin (acht Treffen allein in diesem Jahr!). Mehr noch als die Gipfel mit seinem "Freund Wladimir" zeugt es von Schröders besonderer Beziehung zu Russland, dass er ein russisches Mädchen adoptiert hat - die dreijährige Viktoria aus St. Petersburg."

Großbritannien:

"The Guardian" (London): "Eine gespaltene deutsche Wählerschaft hat eine in sich gespaltene Regierung hervorgebracht, die es sehr schwer haben wird, viel Wandel zu bewirken. Europa dürfte keine großen Hoffnungen haben. Das Beste, was sich sagen lässt, ist, dass es eine angenehme Überraschung wäre, wenn die Pessimisten sich (mit negativen Prognosen) irren würden."

"The Times" (London): "Es stellen sich sofort zwei Fragen: Wird diese Koalition stabil und in sich stimmig sein? Und ist Frau Merkel in der Lage, die Veränderungen durchzusetzen, die für eine Reform der deutschen Wirtschaft dringend erforderlich sind? (...) Mit den Ministerien für Arbeit und Finanzen im Rücken könnte die SPD alle vom bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der das Ressort Wirtschaft führen wird, vorgeschlagenen Reformen erfolgreich sabotieren. Und Frau Merkel wird nur wenig Raum für Manöver und Innovationen andernorts haben. Auch das Abschwächen der schärfsten, durch die bisher mitregierenden Grünen erreichten Restriktionen, etwa bei der Atomenergie, wird kaum möglich sein, solange die SPD das Umweltministerium kontrolliert. (...) Angesichts dieser Widersprüche sind die Aussichten auf eine stabile Koalition dünn."

Frankreich:

"La Tribune" (Paris): "Angela Merkel ist der doppelte Coup gelungen. Sie zieht ins Bundeskanzleramt ein und schafft sich ihren alten Gegner Gerhard Schröder vom Hals. Auch wenn es drei Wochen gedauert hat, um in harten Verhandlungen dieses Ziel zu erreichen, so ist die erste Bundeskanzlerin in der deutschen Regierung ihre Sorgen damit aber längst nicht los. Denn was ihr jetzt gelungen ist, das war erst der einfachste Teil. Ihre Parteifreunde und deren Partner können sich keinen Schnitzer und keine Flickarbeit erlauben, denn das brächte sie unweigerlich in sechs Monaten oder einem Jahr wieder vor die Wähler."

"Le Figaro" (Paris): "Wird die erste Bundeskanzlerin die Geisel ihrer früheren Gegner sein, die jetzt gezwungenermaßen ihre Verbündeten geworden sind? Die Zusammensetzung der neuen Regierung gibt darauf noch keine schlüssige Antwort, auch wenn ein Signal beunruhigt: Die von Gerhard Schröder, dem schlechten Verlierer, ins Spiel gebrachte Erpressung hat den Sozialdemokraten eine Menge Schlüsselpositionen eingebracht. Selbst wenn die Programme der Rechten und der Linken in der Gesundheitspolitik oder der Liberalisierung des Arbeitsmarktes nur schwer auf einen Nenner zu bringen sein dürften, so gibt es doch ein gemeinsames Feld für eine Basis der Verständigung bei Reformen. Eine sehr rasche positive Dynamik wird zwingend sein, damit das gemeinsame Handeln über die internen Rivalitäten in dieser Regierung siegt und Deutschland seine Rolle im Herzen unseres Kontinents wiederfindet."

"Libération" (Paris): "Vor "Angie" gab es nur eine wie sie, und das war Maggie Thatcher. Denn auch wenn das 20. Jahrhundert der Sache der Frauen bis dahin fast unvorstellbare Fortschritte gebracht hat, sie bleiben die Frauen selbst in den Ländern, wo sie am meisten vorangekommen waren, abseits der politischen Schlüsselpositionen. Ist es ein Zufall und steckt ein Sinn hinter der Tatsache, dass Merkel wie Thatcher rechts im Spektrum ihres Landes angesiedelt sind? Und dennoch ist Deutschland nun nicht davon bedroht, einer ultraliberalen Kur unterzogen zu werden. Das hat der Wähler verhindert. Auch wenn jetzt der Wunsch sehr stark ist, die Gegensätze zu versöhnen, gibt es doch keinen Zauberstab zur Auflösung der aufgeworfenen Widersprüche. Die große Koalition wird ein Kampf."

Spanien:"

"El País" (Madrid): "Nach dem Ausgang der Bundestagswahl war die Bildung einer großen Koalition das Vernünftigste. Das Ergebnis hat gezeigt, dass die Deutschen wirtschaftliche und soziale Reformen akzeptieren, diese aber nicht allzu drastisch ausfallen sollten. Dies sollte Angela Merkel berücksichtigen. Die übrigen Europäer hoffen vor allem, dass die große deutsche Lokomotive wieder in Gang kommt. Eine große Koalition über vier Jahre zusammenzuhalten, ist eine große Herausforderung. Dazu wird Merkel Fähigkeiten zeigen müssen, die man bei ihr bislang nicht kennt und allenfalls vermuten kann."

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