Internet
Wissen oder PR

Ende der Woche werden 112 Künstler, Denker, Wissenschaftler, Menschenrechtsaktivisten und Vertreter verschiedener NGOs in Berlin an einem riesigen runden Tisch sitzen und Fragen diskutieren wie: „Ist es Mord, einen Mörder zu töten? Kann es eine Welt ohne Macht geben? Kann eine einzige Frage die Welt verändern?“

Das Projekt „Dropping Knowledge“, das am 9.September seinen öffentlichkeitswirksamen Höhepunkt erlebt, soll nicht weniger als ein Kristallisationskern für die wichtigsten Fragen der Menschheit sein. Vor drei Jahren wurde das Projekt von Ralf Schmerberg ins Leben gerufen, einem Werbefilm- und Musikvideo-Regisseur, der nach eigener Darstellung seine Karriere unterbrach, um gemeinsam mit anderen Kreativen eine Gegenmacht zu der von ihm vermuteten Zensur aufzubauen: Die großen US-Networks verschmähten ein von ihm produziertes Anti-Irak-Krieg-Musikvideo.

Mit „Dropping Knowledge“ möchte er ein Netzwerk schaffen, „das unabhängig von klassischen Medienkanälen globales Wissen generiert, soziale Aktivitäten unterstützt und gesellschaftliche Veränderungen bewirkt“ – oder eben die öffentliche Meinung nach seinen Vorstellungen positiv beeinflusst.

„Dropping Knowledge“ verbreitet eine Botschaft: Wir können die Antwort auf überlebenswichtige Fragen der Menschheit nicht allein den Regierenden überlassen. Wir Bürger können und müssen Lösungen selbst diskutieren und finden. Bekannte Denker wie Peter Sloterdijk nehmen am „Table of Free Voices“ ebenso Platz wie unbekannte Menschen. Ihnen sollen 100 ausgewählte Fragen gestellt werden. Über das Internet sind sie theoretisch mit der ganzen Menschheit verknüpft. Die Statements sollen „der Grundstock für eine „Living Library“ werden.

So weit, so bombastisch, so moralisch. Doch die Selbstdarstellung als Grassroot-Aktivisten steht im Kontrast zu der Unterstützung durch Deutschlands Marktführer in Sachen PR, zu dem werblichen, personellen und finanziellen Aufwand, der getrieben wird – alleine in Berlin arbeiten 150 Leute für das Projekt, weitere in den USA. Da stellen sich Fragen, die nicht die Experten, aber wohl die Projektverantwortlichen beantworten könnten: Was kann PR heute leisten? Wie können Botschaften von sozialen Initiativen, Interessengruppen und NGOs über moderne Mittel der Kommunikation verbreitet werden? Wie weit kann die Berichterstattung in den Medien beeinflusst werden? Wie können finanzielle Mittel dafür gewonnen werden, und wie kann die Wirtschaft profitieren? Was kann man über die Befindlichkeit der Welt per Internet herausfinden?

Ob dies neben der Verbesserung der Welt das Anliegen von „Dropping Knowledge“ ist? Schmerberg ist nach eigener Aussage auch angetreten, zu beweisen, dass professionelle Werbung und PR andere, bessere Effekte erzielen können als die traditionellen Mittel der Kampagnenarbeit. Sein Konzept geht erstaunlich gut auf, die Wirtschaft nimmt es positiv an.

Die Fronten zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwimmen, plötzlich entstehen neue Interessengemeinschaften, weil ein Versicherungskonzern wie die Allianz als Sponsor und Gründungspartner von „Dropping Knowledge“ heute teilweise dieselben Interessen wie Greenpeace verfolgt und Unternehmen wissen wollen, was die Menschen beschäftigt. Allianz-Chef Michael Diekmann sieht ein großes Potenzial: „Wir sehen uns mit zunehmend komplexen Risiken konfrontiert – globale Erwärmung, kulturelle Konflikte und demografischer Wandel sind nur einige davon.“ Keine Regierung, keine NGO und kein Unternehmen könne dies allein meistern.

Und so schließt sich der Kreis. Bei aller Begeisterung über die Idee und die möglichen positiven Ergebnisse bleibt ein leichter Beigeschmack. Die Macher von „Dropping Knowledge“ laufen Gefahr, ihre eigene Idee von Meinungsfreiheit zu gefährden. Es gibt wenig sachliche Information über Hintergründe, Beteiligte und Ziele von „Dropping Knowledge“. Stattdessen viel freundliche Presse, auch dadurch, dass beauftragte Medienagenturen gezielt versuchen, auf Redaktionen Einfluss zu nehmen, mit den potenten Kunden im Hintergrund. Am Ende wissen wir vielleicht nicht, ob eine Frage die Welt verbessern kann – aber schon, was moderne PR zu leisten vermag.

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