Investitionen
Es geht auch ohne Staat

Die Investitionen im Inland ziehen an, und dafür mussten die Unternehmen ihre Kreditnachfrage nicht einmal deutlich ausweiten. Der kräftige Aufschwung hat vielen von ihnen die Kassen gefüllt. Der Staat muss nicht helfend eingreifen.
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Die drohende Kreditklemme war 2009 ein Top-Thema. Die schlingernden Banken würden immer weniger Kredite für die Unternehmen bereitstellen und damit die Erholung der Wirtschaft von der schweren Rezession unterminieren, warnten Wirtschaftsverbände, Politiker und Manager bei jeder Gelegenheit. Mehr als anekdotische Belege für das Szenario gab es nie. Dennoch reagierte die Regierung, lobte Bürgschaften aus, stellte Kreditpakete bereit und setzte einen Kreditmediator als Vermittler zwischen Banken und Firmen ein.

Heute wissen wir: Alles war halb so schlimm. Die Kreditklemme blieb aus, obwohl es vielen Banken noch immer nicht besser geht als vor einem Jahr. Die Unternehmen nahmen die Angebote des Staates kaum in Anspruch. Das heißt nicht, dass sie nicht investierten. Im Gegenteil: Im dritten Quartal dieses Jahres lagen die Ausrüstungsinvestitionen preisbereinigt um 11,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Sie stiegen fast ebenso sehr wie die Exporte und zehnmal so stark wie der private Konsum.

Damit kehrt sich der Trend der vergangenen Dekade um. Da waren die Investitionen das schwächste Glied der Konjunkturkette. Mit gut 450 Milliarden Euro lagen sie 2008 kaum höher als im Jahr 2000. Im gleichen Zeitraum stiegen der private Konsum um 16 Prozent und die Exporte um 71 Prozent. Mit anderen Worten: Die Schwäche der deutschen Binnennachfrage war vor allem eine Schwäche der Investitionen. Das zeigte sich auch in der Leistungsbilanz: Im Gleichschritt mit dem wachsenden Exportüberschuss floss immer mehr Kapital aus Deutschland ab. Allein 2008 waren es rund 200 Milliarden Euro.

Nun ziehen die Investitionen im Inland also an, und dafür mussten die Unternehmen ihre Kreditnachfrage nicht einmal deutlich ausweiten. Der kräftige Aufschwung hat vielen von ihnen die Kassen so gefüllt, dass sie die Ausgaben aus eigener Kraft stemmen können. Die deutschen Unternehmen sind auf gutem Wege, den 14-prozentigen Einbruch der Investitionen im Krisenjahr 2009 schnell wettzumachen. Sie stecken Geld in neue Fabriken und Logistikzentren, um der steigenden Nachfrage aus dem In- und Ausland Herr zu werden. Doch was kommt danach? Wird sich der Investitionsboom fortsetzen, wenn der unaufschiebbare Nachholbedarf gedeckt ist?

Vieles spricht dafür. Deutschland ist als Investitionsziel in der Krise attraktiver geworden, das zeigen auch die internationalen Statistiken. Die starke Wirtschaft, die gute Infrastruktur und die soliden Staatsfinanzen bei nach wie vor niedrigen Zinsen ziehen Investoren an. Noch fließt netto Kapital aus Deutschland ab, doch immerhin ist die Summe 2010 bisher - anders als in den vergangenen vier Jahren - nicht höher, sondern weitaus niedriger als der Überschuss im Warenexport.

Erste Anzeichen gibt es also, dass mehr Geld im Lande bleibt. Damit wird es leichter, Investitionsprojekte in Deutschland zu finanzieren. Das stärkt den Standort.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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