Investment-Banker
Bob Diamonds Generation stirbt aus

Der 61-Jährige gehört zu den Investment-Bankern, die ihren Fuß nicht vom Gas nehmen. Doch von seiner Art gibt es nur noch wenige. In Zukunft wird es bei den Banken vernünftiger und langweiliger.
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Oscar Wilde hat einmal gespottet, ein Elternteil zu verlieren sei Pech, zwei zu verlieren grenze an Unachtsamkeit. Wenn man diesen Maßstab an das Topmanagement von Banken anlegt, wäre Barclays unglaublich schusselig, kostete der Skandal rund um die Manipulation des globalen Referenzzinses Libor das britische Geldhaus doch gleich vier Führungskräfte. Für die meisten Schlagzeilen sorgte natürlich der Rücktritt von Vorstandschef Bob Diamond, der schon lange vor dem Libor-Skandal auf aussichtsreicher Position im Rennen um den unbeliebtesten britischen Banker lag.

Der 61-Jährige steht exemplarisch für jene Generation von Investmentbankern, die in der heißen Luft der Londoner Handelssäle groß geworden ist. Eine Generation, die jetzt vom Aussterben bedroht ist - und dafür ist noch nicht einmal die Skandalserie der vergangenen Wochen verantwortlich.

Am Anfang dieser Geschichte steht wie so oft, wenn es um die britische Wirtschaft geht, der Name Maggie Thatcher. 1986 befreite die Eiserne Lady die verkrusteten Londoner Merchant-Banken von ihren Ketten, ein Ereignis, das als Big Bang in die Finanzgeschichte eingegangen ist. Die Folge des Thatcher'schen Urknalls: Traditionshäuser wie Morgan Grenfell, Robert Flemming oder MM Warburg wurden von der internationalen Konkurrenz geschluckt, und die großen amerikanischen Geldhäuser entdeckten London als lukrativen Markt für sich. In der bis dahin eher vornehm-betulichen City machten sich die rauen Sitten der Wall Street breit.

Zwei Jahre nach dem Big Bang kam auch Bob Diamond nach London, um den Anleihehandel für Morgan Stanley zu übernehmen. 1996 wechselte er zu Barclays und baute für das einst im 17. Jahrhundert von Quäkern gegründete Geldhaus das Investment-Banking auf. "Bobs Baby" nannten die Barclays-Banker intern das Projekt. Das Baby entwickelte sich sehr schnell zum Wunderkind, so dass eigentlich kein Weg an Diamond vorbeiführte, als es 2011 um die Suche nach einem neuen Vorstandschef ging.

Aber Diamond ist nicht der einzige Aufsteiger, der sich seine Meriten im Handel mit Anleihen, Devisen, Derivaten und Rohstoffen verdiente. Auch Anshu Jain, der neue Co-Chef der Deutschen Bank, wurde in diesem Bereich, den die Angelsachsen mit den vier Buchstaben FICC abkürzen, groß. Zwei Banker, die den Fuß nie vom Gas nahmen, zwei Banker, die für ihre Institute Geldmaschinen schufen, die in den besten Jahren weit mehr als die Hälfte der Gewinne machten. Wie Barclays ist auch die Deutsche Bank in den Libor-Skandal verwickelt. Aber das ist nicht der Grund, warum Karrieren wie die von Diamond und Jain schon bald der Vergangenheit angehören dürften.

Die wilde Welt des Wertpapierhandels wandelt sich rasant. Dafür sorgen vor allem die Regulierer mit ihren deutlich schärferen Vorgaben für Kapital und Liquidität. Dazu kommt das Verbot des Handels auf eigene Rechnung in den USA und die härtere Regulierung im lukrativen Geschäft mit Derivaten. Diese Eingriffe beschleunigen einen ohnehin vorhandenen Trend zur technologischen Aufrüstung. Immer größere Teile des billionenschweren Handelsgeschäfts laufen computergesteuert und vollautomatisch. Die Programmierkünste der Mathematiker ersetzen Instinkt und Wissen der hemdsärmligen Trader.

Es wird deutlich ruhiger werden in den Handelssälen der großen Investmentbanken und deutlich langweiliger - kühle Berechnung wird die Lust am Risiko verdrängen. Aber nach der Skandalserie der vergangenen Wochen wäre das eine ausgesprochen verlockende Aussicht.

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