Investment-Banking
Radikaler Schnitt

Angela Merkel sieht es so: Eine schärfere Aufsicht, mehr Transparenz bei Spekulation, Barrieren gegen kurzfristiges Gewinnstreben von Managern - und fertig ist die neue Weltfinanzarchitektur.

Wenn sich hinter diesen Schlagwörtern jedoch kein ausgefeilter Masterplan verbirgt, stehen wir in fünf bis sieben Jahren vor dem gleichen Scherbenhaufen. Todsicher.

Denn tatsächlich haben die Finanzmärkte ein Kernproblem, dem mit ein bisschen Schrauben hier und ein bisschen Drehen dort nicht beizukommen ist. Das Problem heißt schlicht Investment-Banking. Genauer geht es um die Abteilung Eigenhandel innerhalb des Investment-Bankings. Dort, wo die Handelstechniken Leveraging und Short Selling heißen, wo Derivate und nicht mehr die ihnen zugrunde liegenden Wertpapiere hin- und hergeschoben werden, besteht ein so hohes Risiko, dass es für eine traditionelle Bank nicht mehr beherrschbar ist. Folglich hat der Eigenhandel im Bankgeschäft von morgen, das aus der aktuellen Krise hervorgehen soll, nichts mehr zu suchen.

Es ist doch so: Eine Bank hatte eigentlich die Aufgabe, gespartes Geld einzusammeln und an diejenigen weiterzugeben, die einen Kredit brauchen, um investieren zu können. Dadurch entsteht, wenn es gutgeht, Wachstum und Wohlstand. Ganz so viel lässt sich mit dieser Form des Bankgeschäftes allerdings nicht verdienen, denn das Einsammeln und Verleihen erfordert viele Mitarbeiter, die viele Kunden möglichst genau kennen und betreuen. Das ist teuer.

Deswegen haben sich viele Banken, die ursprünglich vor allem ein Einlagengeschäft betrieben, zusätzlich dem Investment-Banking zugewandt. Dort kann ein ganz kleines Team ganz große Summen bewegen. Die Gewinne sind genauso gewaltig wie die Verluste. Eigentlich sind Hedge-Fonds auf solche Geschäfte spezialisiert und tragen damit zu einem Funktionieren der Märkte bei. Hedge-Fonds-Manager und ihre Investoren wissen über das Risiko ziemlich gut Bescheid. Sie handeln auf eigene Rechnung und eigene Gefahr. Kein seriöser Investor steckt mehr als ein Fünftel seines Kapitals in Hedge-Fonds. Die Gefahr eines Totalverlustes ist ihm einfach zu hoch.

In dem Augenblick allerdings, in dem eine Bank wie ein Hedge- Fonds handelt, gerät vieles durcheinander. Kunden, die ihr Geld zur Bank tragen, damit es dort aufbewahrt wird und Zinsen bringt, können ihr böses Erwachen erleben. Denn dass ihre Bank mit ihren Einlagen wie ein Hedge-Fonds-Manager umgeht, ist ihnen womöglich nicht bewusst. Es wird ihnen auch nie jemand reinen Wein einschenken, denn Intransparenz gehört zum Geschäftsmodell einer Bank.

Das hat durchaus seine Berechtigung: Wir können nicht auf der einen Seite Datensicherheit verlangen und uns gegen gläserne Konten wehren, aber auf der anderen Seite absolute Transparenz fordern. Falls der Kunde für die Produkte, in die sein Geld investiert wird, überhaupt einen Beipackzettel bekommt, ist der deswegen so verklausuliert, dass ein Laie Risiken und Nebenwirkungen niemals erkennen wird.

Doch es kommt noch schlimmer: Diejenigen, die innerhalb einer Bank spekulieren, sind im Gegensatz zu selbstständigen Hedge-Fonds-Managern nur Angestellte mit einem mehr oder weniger festen Gehalt. Erleiden sie mit ihren Investitionen Schiffbruch, so haften sie dafür nicht persönlich. Es gibt Wissenschaftler, die deswegen von "Spielgeld" reden und damit das Vermögen der Sparer meinen, mit dem der angestellte Hedge-Fonds-Manager einer Bank hantiert. "Money for nothing, checks for free!" hat eine IWF-Studie über die Ursachen der Subprime-Krise getitelt.

Wenn Frau Merkel oder andere über neue Regeln für die Finanzmärkte lamentieren, reden sie so lange am Problem vorbei, wie sie nicht auf diesen Kern kommen. Eine Änderung der Regulierung muss so radikal sein, dass sie diesen Missstand abstellt, oder sie bewirkt nur eine neue Blase, die irgendwann wieder zerplatzt. Sie muss den Eigenhandel im Investment-Banking für alle Banken verbieten. Reine Investmenthäuser, von denen die meisten inzwischen bekanntlich mangels Vertrauen verschwunden sind, kann es durchaus weiter geben. Nur sollen sie sich nicht Banken, sondern am besten gleich Hedge-Fonds-Anstalten nennen, die auf eigenes Risiko und mit ausdrücklichem Wissen ihrer professionellen Investoren handeln.

Merkwürdig, dass über diesen grundsätzlichen Ansatz so wenig zu hören ist. Wahrscheinlich hat es etwas damit zu tun, dass die Zeiten von 25 Prozent Rendite auf das Eigenkapital nach einem solchen Regulierungsschritt vorbei wären. Klar, tut das weh. Aber wie heißt jenes indianische Sprichwort? "Wenn das Pferd tot ist, steig ab."

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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